2010 - Kurze Runde im Dreiländereck

 

Routenüberblick: Landeck - Ischgl - Fimberpass - Engadin - Val d´Uina - Vinschgau - Santa Maria Val Müstair - Bocchetta Pedenolo - Val Mora - Val Müstair - Pass Costainas - Scuol (4 Tage)

Tag 1: Landeck – Ischgl – Heidelberger Hütte

Sommer 2010, nach drei heißen Wochen Anfang Juli sorgt wechselhaftes Wetter in den Alpen für Schnee bis unter 2000 Metern Seehöhe. Doch der Termin Anfang August steht schon lange fest, ein verlängertes Wochenende soll mit meinen alten Schul- und Bikefreunden Johannes und Robert für eine Bikerunde im Dreiländereck Österreich/Schweiz/Italien genutzt werden. Am Weg liegen Übergände mit klingende Namen in Alpencross-Kreisen: Fimberpass, Val d´Uina und Bocchetta di Pedenolo sind inzwischen feststehende Größen in den meisten klassischen Alpencrossrouten ab Oberstdorf zum Gardasee. Wir bleiben nicht auf Kurs Richtung Süden, sondern drehen einen kleinen Rundkurs, der uns schlußendlich in Scuol im Unterengadin wieder ausspucken wird.
Freitag, 6. August, bei knappen 10 Grad starten wir vom Bahnhof Landeck, angereist aus allen Himmelsrichtungen: einer aus Wien, einer aus München, einer aus Zürich, ein schönes Wiedersehen. Auf ruhigen Nebenstrassen kurbeln wir über Tobadill bis zum Taleingang des Paznauntals. Grau und kalt liegen die Wolken über uns, doch für den nächsten Tag ist Besserung angesagt! Als wir nach einigen Kilometern teils auf der Strasse, teils auf Feldwegen in Ischgl ankommen, sind wir schon recht durchfroren, aber bei einer heißen Suppe im Ortszentrum kehrt langsam wieder Wärme in unsere Glieder ein. Von Ischgl beißt eine steile Asphaltpiste in bergauf ins Schigebiet am Eingang des Fimbatale, doch hinter der Liftstation zur Idalpe beginnt dann endlich die frei Natur. Zwischen den Wolken blitzen immer wieder weiß angeschneite Bergspitzen auf uns, während wir auf der Schotterpiste durch das malerische Fimbatal rollen. Die alte Zollstation an der Grenze zur Schweiz ist inzwischen abgerissen, und kurz darauf liegt auch schon Schnee auf den Wiesen. Egal, wir erreichen bald die Heidelberger Hütte, auf der wir für heute Quartier beziehen. In dem großen Haus sind neben uns noch einige andere Biker zu Gast, doch nicht wie bei meinem letzten Besuch gut 40. Wir verbringen in der komfortablen Hütte einen gemütlichen Abend und hoffen für den nächsten Tag auf die ersten Sonnenstrahlen!


Tagesdaten und Unterkunft:

xxx Höhenmeter, xx Kilometer, reine Fahrzeit

Heidelberger Hütte (DAV), Übernachtung im Vierer-Zimmer mit Frühstück/Abendessen ca. 40€ pro Person (AV-Mitglieder)



Tag 2: Heidelberger Hütte – Fimbapass – Val Chöglias – Sur En – Val d´Uina – Schlinigpass – Vinschgau – Val Müstair – Santa Maria

Auch am nächsten Morgen begrüßen uns dichte Wolken, und der Anstieg zum Fimberpass liegt unter einer weißfeuchten Schicht Schnee begraben – aber an einigen Stellen blitzt kurz blauer Himmel durch und kündigt das prognostizierte Hochdruckgebiet an. So brechen wir nach einem reichhaltigen Frühstück auf, teils schiebend, teils fahrend geht es über den breit ausgetretenen Wanderweg zum Fimberpass. Das letzte Mal bin ich hier 2003 bergauf marschiert, damals allerdings bei strahlendem Sonnenschein und toller Aussicht aufs Fluchthorn. Dies bleibt uns heuer verwehrt, und wir erreichen nach gut 45 Minuten in dichtem Nebel und in ca. 10 cm hohem Schnee die breite Passhöhe des Fimberpasses. Hinter uns treffen einige andere Biker ein, in dünnen Klickpedalschuhen mit durchnässten Füssen... ein weiteres Mal zeigt sich, dass für einen Alpencross wasserdichtes und zumindest knöchelhohes Schuhwerk empfehlenswert ist!
Mangels Aussicht halten wir uns nicht lange auf der Passhöhe auf, packen uns warm ein und starten die Singletrail-Abfahrt ins Engadin. Was für ein Vergleich zu der Fahrt vor 7 Jahren: mit neuem Bike und besserer Fahrtechnik geht es locker bergab, und nur tiefer Match beeinträchtigt den Vorwärtsdrang etwas. Auf der Singletrailskala (www.singletrail-skala.de) würde die Abfahrt die Bewertung S2 bekommen, die Absturzgefahr bis auf einige kurze Passagen gering. Bei der Alp Chöglias geht der Wanderweg auf eine ruppige Forstpiste über, bis wir schließlich in Vna ankommen, wo die ersten Sonnenstrahlen uns etwas aufwärmen. Bei einem zweiten Frühstück mit Engadiner Nusstorte in einem sehr ursprünglichen Wirtshaus genießen wir die schöne Aussicht auf die „Engadiner Dolomiten“ rund um den Piz Lischana, bevor wir die restlichen Höhenmeter auf der Strasse bis nach Sur en vernichten. Ab jetzt geht es auf einer der bekanntesten Bikerouten im ganzen Alpenraum bergwärts, das Val d´Uina. Die spektakuläre Felsengalerie, vom deutschen Alpenverein vor mehr als 100 Jahren als Verbindung nach Italien gebaut, wurde in allen einschlägigen Bike-Magazinen schon mehrmals beschrieben und hat inzwischen sicherlich tausende Biker gesehen. Auf der teils steilen Schotterpiste erreichen wir die Alm Uina Dadaint, wo von den engagierten Wirtsleuten lokale Milchprodukte und Engadiner Nusstorte verkauft werden, bevor es auf dem Wanderpfad weiter Richtung Schlucht geht. Der Weg wurde inzwischen ausgebaut, und so kann man einen Gutteil fahren, bevor man vom Bike absteigen muss. Auch bei der dritten Durchquerung ist der Felsenweg immer noch beeindruckend, vor allem in dem Moment, wo man am Ende der Schlucht aus dem Dunkel der steil aufragenden Felswände auf die weite, sonnendurchflutete Hochebene von Schlinig hinaustritt. Inzwischen wurde am oberen Eingang der Schlucht ein Warnschild angebracht, das Biker zum Schieben auffordert, und auch wenn die fahrtechnischen Schwierigkeiten nicht allzu groß sind, sollte man dieser Aufforderung Folge leisten, da jeder kurze Verbremser ansonsten unweigerlich 100 Meter tiefer im felsigen Flussbett endet.

Wir genießen den Sonnenschein auf den sattgrünen Wiesen und pedalieren, unterbrochen von kurzen Schiebestücken weiter zum Schlinigpass. Wollgras und kleine Seen zieren den Weg, und plötzlich öffnet sich der Blick zum höchsten Berg Südtirols, dem Ortler. Ein toller Anblick, und mit der Steinruine der alten Pforzheimer Hütte im Vordergrund ein beliebtes Fotomotiv.

Der Rest des Tages ist schnell erzählt, in rasanter Asphaltabfahrt gelangen wir zum Talboden des Vinschgaus, von wo wir den tollen Service der Schweizer Postbusse in Anspruch nehmen, um die letzten 400 Höhenmeter bis Santa Maria Val Müstair zu überwinden. Dort gestaltet sich die Übernachtungssuche wegen des Wochenendes unerwartet schwierig, aber schließlich können wir doch in der örtlichen Jugendherberge Quartier beziehen, wo wir ein gemütliches Vierbettzimmer bekommen.


Tagesdaten und Unterkunft:

xxx Höhenmeter, xx Kilometer, reine Fahrzeit

Jugendherberge Santa Maria, Übernachtung im Vierer-Zimmer mit Frühstück ca. 60SFR pro Person



Tag 3: Santa Maria – Umbrailpass – Bocchetta di Forcola – Bocchetta di Pedenolo – Lago di Cancano – Val Fraele – Val Mora – Santa Maria

Mit der Bocchetta di Forcola steht schon lange eine Rechnung offen: im Juni 2001 wollte ich das erste Mal hier drüber, meterhoher Schnee neben der Passstrasse zwang zur direkten Abfahrt auf der Strasse. 2003 ließ es die Tourenzeit nicht zu, den Schlenks über Bormio zu fahren, und 2009 brach bei meinem Bikekollegen während der Abfahrt im Val Zebru das Schaltauge, Abbruch der Tour.

In diesem Jahr sollte es nun endlich klappen, und endlich scheint auch von in der Früh weg die Sonne. Wir könnten die Strecke bis zum Umbrail auch mit dem Postauto zurücklegen, doch irgendwie widerspricht das unserer Vorstellung und wir kurbeln die 1000 Höhenmeter gemütlich auf der wenig befahrenen Strasse bergwärts. Sattgrüne Wiesen zieren das schöne Hochtal, vor uns taucht der Schottergipfel des Piz Umbrail auf. Vom Umbrailpass werfen wir einen kurzen Blick auf das touristisch völlig überladene Stilfser Joch, bevor wir die Strasse wieder verlassen und auf dem alten Militärweg Richtung Bocchetta di Pedenolo weiterfahren. Damit betreten wir das inzwischen weit bekannte Bikerevier „Alta Rezia“, eine Intiative der Tourismusvereine in der Gegend rund um Bormio und Livigno, die sich sehr offen für Biketrails einsetzen. Auch unser heutiger Weg scheint teilweise ausgebaut worden zu sein, auf dem relativ breiten Wanderweg können wir fast 70% der Wegstrecke zum Pass im Sattel bewältigen! Bald erreichen wir wieder die Schneegrenze, und nur die letzten 50 Höhenmeter zur Passhöhe müssen wir das Bike schultern, dann ist es geschafft, im vierten Anlauf! In beide Richtungen gibt es ein tolles Panorama zu bewundern, im Osten leuchtet das beherrschende weiße Haupt von König Ortler, während im Westen alte Steinkasernen und zahlreiche Militärwege und Schützengräben von den Gebirgsschlachten im zweiten Weltkrieg zeugen. Wir machen eine längere Mittags- und Fotopause, bevor es weiter Richtung Val Fraele geht.

Über die Routenwahl bis zur Bocchetta di Pedenolo herrscht innerhalb unseres kleinen Trupps kurzfristig Unentschiedenheit, und im Endeffekt nehmen Johannes und ich den kürzeren, wegen Schnee und groben Steinen aber unfahrbaren Verbindungsweg zur Pedenolo, während Robert die längere, aber dafür fahrbare Militärpiste wählt. Ab der Bocchetta di Pedenolo öffnet sich der Blick nach Süden, und auf einer sehr gut erhaltenen, breiten Militärpiste rollen wir talwärts bis zum Piano di Pedenolo. Hier beginnt der spektakuläre Teil des Weges: über einen steilen Felsabrruch schlängelt sich die teils verfallene Piste in vielen Kehren zum Talboden. Es macht Spass, hier talwärts zu surfen, nur stellenweise grober Schotter bremst etwas. Die Abfahrt ist ebenfalls insgesamt mit S2 zu bewerten, allerdings besteht hier bei Fahrfehlern Absturzgefahr.

Im Val Fraele angekommen kehren wir im Rifugio Solena für eine Portion Spaghetti ein, was sich später als Fehler herausstellen sollte. Während dieser Pause bauen sich die Wolken im Süden zu bedrohlichen Gewitterwolken auf. Als wir weiter entlang des Lago Cancano treten wird die Stimmung immer bedrohlicher, und als wir ins Val Mora einbiegen blitzen über dem Monte Cassa die ersten Blitze. In einer Fehleinschätzung der Situation glaube ich, dass wir noch die Alm Döss Radond im Val Mora als Unterstand erreichen können, und so treten wir zügig auf dem Pfad bergwärts. Doch wir sind nicht schnell genug, ein tiefes Grummeln, erste dicke Tropfen fallen auf den Helm. Jetzt heißt es rasch handeln: wir deponieren unsere Bikes in sicherem Abstand von 20 Metern, und werfen uns so schnell als möglich die Regenjacken über und kauern uns in einer Senke unter die Latschenkiefern. Der Himmel öffnet seine Schleusen, und zwei Minuten später folgt Blitz auf Donner und Donner auf Blitz, und kurz darauf prasseln dicke Hagelkörner auf unseren Kopf. Die Welt scheint unterzugehen, und zwei holländischen Bikern die in der Nähe von uns kauern, hat es die Sprache verschlagen.

Doch wie es für ein typisches Sommergewitter ist, nach gut 30 Minuten ist der Spuk wieder vorbei: es grummelt nur noch aus der Ferne, der Regen lässt langsam nach und schließlich bricht die S
onne wieder durch und malt herrliche Lichtmuster in die nassen Wiesen des Val Mora. Wir erreichen bald den höchsten Punkt des malerischen Tals, aber leider sind wir in dem Sturzregen doch etwas nass geworden. So wird die folgende Abfahrt zurück nach Santa Maria eine kalte Angelegenheit und wir können die heiße Dusche kaum mehr erwarten, als uns die Forststrasse direkt am Ortseingang wieder ausspuckt und wir zu unserer Jugendherberge zurückkehren. Ein toller Biketag! Und die Rechnung mit der Bocchetta di Forcola ist endlich beglichen...


Tagesdaten und Unterkunft:

xxx Höhenmeter, xx Kilometer, reine Fahrzeit

Jugendherberge Santa Maria, Übernachtung im Vierer-Zimmer mit Frühstück ca. 60SFR pro Person



Tag 4: Santa Maria – Lü – Pass Costainas – S-charl – Scuol

Heute steht nur mehr eine kurze Heimfahretappe am Programm, auf der wir eine der einfachsten Alpenhauptkammpassagen queren, den Pass Costainas. Bei strahlendem Sonnenschein kündigt sich ein herrlicher Sommertag an, und wir starten zum lockeren Warmfahren talaufwärts. Das Val Müstair ist schön, authentisch erhaltene Weiler in rätoromanischem Stil prägen das Talbild. Auf einem schmalen Asphaltsträßchen gelangen wir nach Lü, von wo eine Forststrasse weiter zum Pass Costainas führt. Für knapp 100 Höhenmetern ist die Piste zu steil und ruppig zum Fahren, doch nach 10 Minuten Fussmarsch können wir wieder aufsitzen und über flache Wiesenhänge zur Passhöhe rollen, wo wir den Sonnenschein und die Wärme genießen. Im Osten ragen in starkem Kontrast die dolomitähnlichen Zacken des Lischanamassivs in die Höhe.

Vom Pass Costainas führt durch das breite Val S-charl ein herrlicher Wiesenpfad weiter zur Alp Astras, wo eine Forstpiste beginnt. Je näher wir der Ortschaft S-charl kommen, umso belebter wird der Weg, zahlreiche Familien mit Kindern genießen die Natur. Mangels Zeit brausen wir den restlichen Weg bis nach Scuol auf der Asphaltpiste weiter, wo sich der Kreis unserer kleinen Dreiländerrunde wieder schließt.


Tagesdaten und Unterkunft:

xxx Höhenmeter, xx Kilometer, reine Fahrzeit

Jugendherberge Santa Maria, Übernachtung im Vierer-Zimmer mit Frühstück ca. 60SFR pro Person