2006 - Im Angesicht des Monviso

 

Routenüberblick: Cuneo - Val Grana - Gardetta-Hochfläche - Acceglio - La Colletta - Chianale - Col Agnello - Col Vieux - Briancon - Col del Morti - Mondane - Susa (10 Tage)


Sa, 12. Aug 2006: Das große Bikeabenteuer 2006 kann beginnnen, drei Biker wie im Jahr zuvor und doch ist zumindest für einen davon alles anders, nämlich mich. Bevor es mit dem Bericht in medias res der Erlebnisse unserer Tour entlang des italienisch-französichen Alpenhauptkammes geht (für alle nur am biketechnischen interessierten Leser empfiehlt sich ein direkter Sprung zu Tag 1) deshalb ein kurzer Rückblick in den Dezember 2005.

Seit ungefähr zwei Wochen ist das neue Buch von Achim Zahn erschienen, schon sehnsüchtig erwartet liefert es schöne Fotos, und vor allem Stoff für Träume von neuen Pässen und Tälern, die mit dem Bike erkundet werden könnten. Meine Gedanken sind schon an vielen Abendstunden um imaginäre Routen gekreist, und die Vorfreude ist mitten im Winter bereits so groß, als würd’s am nächsten Tag losgehen.

Ein grauer Dezembertag wie einige davor, am Heimweg von der Uni wie schon oft davor, doch ein kurzer Moment der Unachtsamkeit sorgt dafür, dass der Sprint über die Kreuzung nicht auf der anderen Seite, sondern bewußtlos am nassen Asphalt der Straße endet. Das Auto war stärker als ich, Ergebnis ist ein quasi Totalschaden des linken Knies: vorderes und hinteres Kreuzband ab, inneres Seitenband ebenso und noch dazu ein Kopf des Wadenmuskels abgerissen. Operation, zwei Wochen Krankenhausaufenthalt und gut fünf Wochen Gips führen einem die Zerbrechlichkeit des eigenen Lebens und vieler Träume vor Augen.

Ein guter Operateur, viel Glück und ein guter Physiotherapeut lassen jedoch ein kleines Wunder wahr werden: Anfang Februar die ersten Gehversuche erst mit zwei und dann mit einer Krücke, Ende Februar mit viel Schmerzen die erste volle Umdrehung am Hometrainer. Weiter Physiotherapie, vorsichtige kurze Trainingseinheiten von 20 bis 30 Minuten auf der Rolle, Anfang Mai das erste Mal wieder mit Klickpedalen noch vorsichtiger ins Freie, eine Woche später können die ersten 200 Höhenmeter ohne Schmerzen gefahren werden. So lang die Zeit bis zur nächsten Verbesserung damals wirkte, so unglaublich lesen sich die Trainingsnotizen im nachhinein.

Nachdem im Juni fast schon wieder normales regelmässiges Biken möglich war, werden zaghaft wieder die Karten herausgekramt, und nachdem ich im Juli meinen Hausberg ohne große Probleme bezwingen konnte stand das Wunder fest – mit Vorbehalt kann eine mehrtägige Tour gestartet werden!

Es sollten wieder die Westalpen sein, dieses Mal die einsamen Täler des Piemont an der französisch-italienischen Grenze. Als Startpunkt wurde Cuneo südlich von Turin fixiert, vorbei am Monviso und immer entlang des Alpenhauptkamms nach Norden würde unsere Route planmässig im Susatal enden. Mit von der Partie waren wie im Vorjahr Timm und Christoph, letzterer mit einem neuen Bike von Canyon, fast noch j
ungfräulich und behütet wie sein Augapfel. Die Anreise bis Turin gingen wir nach den positiven Erfahrungen des Vorjahres heuer deutlich entspannter an. Mit der üblichen Ausrüstung und Lesestoff bewaffnet starteten wir um 8.50 Uhr am Bahnhof Innsbruck, am Brenner angekommen verzichteten wir bei Regen und eisigen 10 Grad jedoch auf das Warmfahren in Richtung Sterzing und gönnten uns den ersten Cappuccino direkt vor Ort.

Über Verona und Mailand erreichten wir ohne Stress am frühen Abend Turin, wo wir dieses Mal in einem durchaus noblen 3-Sterne-Hotel gleich in Nähe des Bahnhofs nächtigten, was um 75€ für das ganze Zimmer durchaus als Okkasion bezeichnet werden kann. Zum Abendessen fanden wir mit viel Glück einen kleinen Italiener, wo wir mit lokalen Leckereien von geröstetem Büffelmozarella über Lardoschinken und einer Flasche Barbera unsere Tour für offiziell eröffnet erklärten.

Die Spannung war zumindest bei mir noch größer als die letzten Jahre, was würde uns auf den alten Militärpisten im vergessenen Hinterland des Piemont erwarten - würde mein Knie die ganze Tour durchhalten?

 


So, 13. Aug 2005: Cuneo - Caraglio - Valgrana - Pradleves - Campomolino - Chiappi - Santuario San Magno

Höhenmeter bergauf: 1210 Hm

Kilometer: 43,0 km

Zeit: 3 h 5 min (11.00 bis 16:30)

 

Nach einem durchaus reichhaltigen Frühstück war noch ein letztes Stück Zugfahrt Richtung Süden angesagt, wobei wir wieder mal die Unkompliziertheit der italienischen Schaffner in Bezug auf Radtransport erfahren durften: laut Fahrplan war mit dem nächsten Zug nach Cuneo kein Radtransport erlaubt, wir versuchten trotzdem unser Glück – und anstatt dass wir wie in Österreich mit Zeter und Mordio aus dem Zug geworfen wurden, verlor der Schaffner kein Wort über unsere Bikes, sondern witzelte mit uns über den penetrant ekligen Geruch, den eine defekte Toilette im Waggon verströmte.

Um 11 wars dann soweit, nach kurzer Orientierungsphase gings anfangs noch kurz auf der Hauptstraße durch die weiten Ebenen der piemontesischen Ebene, bis wir in Caraglio auf die verkehrsarme Nebenstraße ins Val Grana abzweigten. Noch in der leicht diesigen Luft versteckt konnten wir die vor uns liegenden Berge nur erahnen, hatten dafür aber Gelegenheit zum ersten Mal in unserem Leben direkt neben der Straße Kiwipflanzen zu bewundern.

Ohne viel Verkehr und stets mit mässiger Steigung erreichten wir Pradleves, eines der ersten uralten Örtchen, von denen wir in den kommenden Tagen viele sehen sollten: wenige Häuser geduckt an einem Berghang, die meisten davon noch mit Schieferplatten gedeckt, hie und da eine verfallene Ruine. Nach einer weiteren Stunde Fahrt war bereits unser heutiges Ziel Chiappi erreicht, wo ursprünglich eine Übernachtung im einzigen per Internet auffindbaren Hotel geplant war. Doch offensichtlich war mein in gebrochenem italienisch formuliertes Mail nicht entsprechend aufgenommen worden, es waren keine Zimmer mehr frei – wie erwartet hatten die Italiener zu Beginn des Ferragosta bereits auch dieses einsame Örtchen besiedelt. Glücklicherweise fanden wir im Posta Tappa des Santuario San Magno noch problemlos eine Bleibe, wo wir vor dem imposanten Steinbau des Klosters von Horden von italienischen Halbschuhtouristen, und einer per Lautsprecher ins freie übertragenen Messe empfangen wurden!

Unser Zimmerchen wartete mit mindestens 50 Jahre alten Metallstockbetten auf, deren Decken wahrscheinlich seit Monaten keine Waschmaschine mehr gesehen hatten, und Dusche war natürlich nur in Form eiskalten Wassers vorhanden. Trotzdem genossen wir auch den ersten Abend bei einer Flasche Hauswein und einem guten, im Vergleich zu den Folgetagen aber nur passablen Abendessen. Davor nutzten wir den Rest des Nachmittags noch zu einem kleinen Spaziergang durch den Ort, während nach und nach alle der mit dem Auto angereisten Touristen wieder verschwanden und das Posto Tappa nur von ein paar auf dem GTA wandernden Bergsteigern bevölkert wurde.

Knapp vor Einbruch der Dunkelheit wurden wir noch damit belohnt, dass die dichten Nebelfetzen rund um das Kloster aufrissen und uns mit der Hoffnung auf schönes Wetter ins Bett gehen ließen.

 


Mo, 14. Aug 2005: Chiappi - Rifugio Trofarello - Col Esischie - Col dei Morti - Col Bandia - Rifugio Gardetta - Passo Rocca Brancia - Passo Gardetta - Acceglio - Chialvetta

Höhenmeter bergauf: 1420 Hm

Kilometer: 44,0 km

Zeit: 5 h (9.00 bis 18:30)

 

Kurz nach halb sieben ein erster Blick aus dem Fenster: gestochen scharf, im leicht orangen Licht der Morgensonne ragen vor uns die ersten gezackten Gipfel der Cuneo-Dolomitan auf, ein herrlicher Tag kündigte sich an!

Nach einem wie erwartet kärglichen Frühstück (im Büroleben der Stadt mag die italienische Frühstückskultur ja noch angehen, mit einem doppelten Espresso bis Mittag durchzuhalten, aber wie zum Henker überleben italienische Bergsteiger mit zwei Stück löchrigem Weißbrot den Tag?!) ließen wir 30 Euro pro Person für die Übernachtung zurück und starteten auf der asphaltieren ehemaligen Militärstraße in Richtung Gardetta-Hochebene, das erste Highlight unserer Tour.

Wunderschön schlängelt sich das schmale Sträßchen den Hang entlang, Autos sind nur äußerst vereinzelt anzutreffen und hinter uns öffnet sich ein schöner Blick zurück in die endlose Ebene des Piemont. Die Beine arbeiten schon besser als am Vortag, alle drei in bester Laune erreichen wir das Rifugio Trofarello, das eher einer Mondstation als einem Rifugio gleicht, und offensichtlich auch keinen öffentlichen Hüttenbetrieb hat. Also gönnen wir uns ein ein zweites Frühstück in Form von Müsliriegeln und genießen die Sonne vor dem Rifugio, obwohl es trotz des strahlend blauen Himmels noch nicht wirklich warm geworden ist.

Gestärkt erreichen wir den Col Esischie und gleich darauf den Col dei Morti, von wo aus sich ein erster Blick auf den Monviso und ein tolles Panorama in Richtung Seealpen eröffnet. Dem eher weniger gelungenen Marco-Pantani-Denkmal (selbiger schaut aus, als hätte er exklusive Bike 100 Kilo) schenken wir keine weitere Beachtung und rollen ein Stück bergab zum Col Bandia, von wo wir auf die Gardetta-Grenzkammstraße abzweigen. Erste Reste alter Stellungen werden sichtbar, während wir wechselnd leicht bergauf, bergab in unsere Windjacken eingepackt dahinrollen. Der beeindruckende Felsklotz der Rocca la Meja rückt ins Blickfeld, nicht umsonst wird dieser wunderschöne Berg als Königin der Cuneo-Dolomiten bezeichnet. Teils auf grobem Schotter erreichen wir nach über einstündiger Panoramafahrt das Rifugio Gardetta, Zeit für eine gemütliche Mittagspause in dem zur Hütte umfunktionierten Steinbau einer ehemaligen Kaserne.

Unser Tagespensum ist fast schon erfüllt, wir beschließen aber den Rest des wunderschönen Tages für eine kurze Erkundungsfahrt zum nahegelegenen Passo die Rocca Brancia – für Biker auf der klassischen Westalpenroute das Tor zu den weiter südlich gelegenen Seealpen. Ab dem Passo Gardetta liegt bereits die ganze Piste bis zum Passo Rocca Brancio im Blickfeld, ähnlich dem Val d’Uina spektakulär in eine Felswand gesprengt gewinnt der teils verfallene Militärpfad an Höhe. Auf dem ruppigen Untergrund ist Fahren nur anfänglich durchgehend möglich, bald Schieben wir immer wieder längere Abschnitte, was in Anbetracht des faszinierenden Weges und der traumhaften Aussicht zurück zur Rocca la Meja aber fast schon gelegen kommt. Ein paar letzte Meter fahrend, das Tor zum Süden ist bezwungen!

Ein paar Biker beobachten wir auf ihrem Weg entlang des Singletrails bergab Richtung Val Stura, wir selber genießen noch etwas die Aussicht, schießen Fotos und machen uns dann auf den Weg zurück zum Passo Gardetta. Von dort führt uns ein anfangs sehr flowiger, später technischerer Trail mit ein paar Schiebepassagen ins Val, direkt neben dem Weg können zwei sehr gut erhaltene Bunkeranlagen besichtigt werden.

Im Tal in Acceglio angekommen steuern wir das mit aus Internetberichten bereits bekannte Tourist Office an, wo ein zwar freundlicher, aber etwas demotivierter junger Italiener mir in halbwegs passablem Englisch mitteilt, was ich schon am Vortag befürchtet hatte: alle Unterkünfte in der näheren Umgebung bzw. überhaupt im ganzen Tal seien bereits ausgebucht, Ferragosta lässt grüßen. Für die weitere Routenplanung wäre das eine halbe Katastrophe gewesen, nach längerem Nachbohren zeigt sich aber, dass das in Chialvetta gelegene Posto Tappa noch Plätze frei hat, Kehrseite der Medaille: 300 Höhenmeter auf demselben retour!

Wir sind noch relativ fit, also lassen wir uns die gute Laune wegen der unnötigen Zusatzstrecke nicht vermiesen, und unsere Übernachtung stellt sich als echter Glücksgriff heraus: warme Dusche, und die sehr freundlichen Wirtsleute tischen uns ein absolut hervorragendes Abendessen auf (eine der besten Pastas, die ich je gegessen habe) und aus der Weinkarte mit über 30 Weinen erwischen wir um gerade mal 14 Euro eine Flasche wunderbaren Nebbiolo. Life is beautiful!

 


Di, 15. Aug 2005: Chialvetta - Acceglio - Laretto - Traversieratalstraße - La Colletta - T11 und GTA ins Val Varaita di Bellino - Chiesa

Höhenmeter bergauf: 1660 Hm

Kilometer: 35,0 km

Zeit: 4 h 35 min (9.15 bis 17:00)

 

Voller Erwartung auf das nächste Highlight unserer Tour, die Traversiera-Talstraße, starteten wir bei blauem Himmel zum zweiten Mal bergab nach Acceglio. Nach gut einem Kilometer auf der Hauptstraße zweigen wir bereits in das Valle Traversiere ab, wo wir anfangs auf Asphalt, bald darauf an Schotter stetig an Höhe gewinnen. Bei einer kleinen Kapelle gönnen wir uns eine längere Pause, ein grauer Wolkenschleier verhüllt inzwischen den Himmel.

Die Piste wird ruppiger, teils muss das Bike schon konzentriert bergauf gesteuert werden. In der totalen Einsamkeit dieses Tales und in Verbindung mit dem grauen Himmel schweifen meine Gedanken gelegentlich ab zu den Jahren des zweiten Weltkrieges, als die Alpinitruppen Mussolinis diese Militätstraße dem Berg abrangen. Was ging diesen Männern durch den Kopf?

Mit steigender Höhe wird es empfindlich kalt, bei einer kurzen Pause genehmigen wir uns eine weitere Kleidungsschicht und einen halben Müsliriegel. Höhenmeter um Höhenmeter weiter, und bisher musste noch keine Bikelänge geschoben werden, das Panorama hinter uns wird trotz des bewölkten Himmels immer schöner!

Kurz unterhalb der Passhöhe zwingt uns ein vermatschter Pistenabschnitt für knapp 20 m aus dem Sattel, vorbei noch an Felsklötzen und Stahlgestänge als Überreste einer ehemaligen Stellung taucht plötzlich der längliche Bau des Rifugio Carmagnola auf, 2830 Meter über dem Meer fahrend erreicht!

Schnell in warme Klamotten gepackt retten wir uns in den Windschatten des Kasernenbaus, packen Nahrhaftes in Form von Müsliriegeln aus und freuen uns beim Blick auf das Panorama hinter uns über die geschaffte Leistung. Nach ausgiebiger Erholung erkunde ich mit Fotoapparat die Umgebung und halte dabei die Überreste des militärischen Wahnsinns fest: verrostete Stacheldrahtballen am Boden, gut erhaltene Bunker mit Schießscharten, Spähpfade zu den umliegenden Anhöhen. Einen kritischen Blick werfe ich auch auf den Talkessel im Norden, nachdem uns dort ein großteils unfahrbarer Weg bis ins Val Varaita di Bellino erwarten sollte.

Nachdem das Wetter sichtbar schlechter wird und die niedrigen Temperaturen auch nicht zum dauerhaften Verweilen einladen, machen wir uns an den Downhill. Der T11 führt anfangs quer des Hangs durch ein Schieferschotterfeld, mit der nötigen Vorsicht lassen sich bis zum Beginn des ersten Grasbewuches für ca. 50% fahrend bewältigen. Bis zur Kreuzung mit dem GTA müssen wir nur ein paar längere Stücke entlang des ausgewaschenen Weges schieben, auf dem GTA talwärts lässt sich anfangs ebenfalls fast alles fahren. Vor uns aus dem Tal steigen immer mehr Wolken auf und lassen eine gespenstische Stimmung entstehen, während sich vor uns eine Schlucht auftut, an deren Rand sich der Weg entlang schlängelt. Bis zum Talausgang müssen wir nun doch etwas länger schieben, aber insgesamt keine Spur von 90 minütiger Schiebestrecke!

Kaum dass der Weg wieder Forststraßenbreite erreicht, bevölkern auch schon wieder Scharen von Halbschuhtouristen die Gegend, wir beeilen uns auf der Talstraße das Posto Tappa in Chiesa zu erreichen. Dort haben wir schon am Vortag reserviert und bekommen dementsprechend gleich unsere Zimmer – gerade noch rechtzeitig, bevor draußen der Regen losbricht.

Drei Tage unserer Tour vorbei, bisher ein echter Volltreffer von der herrlichen Landschaft, über die tollen Pisten bis zu der Einsamkeit (na gut, abgesehen von ein paar durch den Ferragosta hergespülten Touristen) und Ursprünglichkeit der alten Dörfer. Und zu guter letzt noch keine Probleme mit meinem Knie... was würde uns weiter erwarten?

Nach einem guten, aber nicht hervorragenden Abendessen (man wird mit der Zeit wohl etwas anspruchsvoll) verziehen wir uns nach einem letzten Blick aus dem Fenster ins Bett. Diagnose: Regen.

 

Mi, 16. Aug 2005: Chiesa - Casteldelfino - Castello - Pontechianale - Chianale - Col del Agnello - Refuge Agnel

Höhenmeter bergauf: 1420 Hm

Kilometer: 27,0 km

Zeit: 3 h 15 min (9.15 bis 15:30)

 

Ein sorgenvoller Blick aus dem Fenster zeigt dasselbe Bild wie 8 Stunden zuvor, Landregen. Über das Tagesprogramm beratend machen wir uns an das gewohnt kärgliche Frühstück, dieses Mal leider nur mit sehr wenigen Päckchen Marmelade.

Wir beschließen den ursprünglich geplanten Passo Battagliola auszulassen und auf der Talstraße zumindest bis Chianale zu fahren, womit wir trotz Regen ungefähr im Plan bleiben könnten. Also wird die volle Regenmontur ausgepackt und bei immerhin schwächer werdendem Regen ein paar Höhenmeter bergab ins Val Varaita vernichtet. Und siehe da, der von mir in der Früh noch als dauerhafter Landregen titulierte Niederschlag hört auf.

In dichten Wolken und Nebel, aber glücklicherweise bei wenig Verkehr treten wir aufwärts Richtung Pontechianale, wo wir beim dortigen Stausee eine kurze Pause einlegen, und das erste Sonnenloch in der dünner werdenden Wolkendecke orten. Recht entspannt erreichen wir bald darauf Chianale, eines der alten Dörfer des Piemont, in dem der Wert der verfallenden Kultur erkannt wurde und offensichtlich versucht wird sowohl die alten Schieferbauten als auch die dazugehörigen Bewohner zu erhalten – teils zwar etwas verkitscht, aber immerhin. In Anbetracht des größer werdenen Lochs in unseren Mägen finden wir schließlich ein Lokal, in dessen kunstvoll ausgestaltem Steinkeller wir beim Wunsch nach Essen (es ist 11 Uhr vormittags) zwar ungläubig bestaunt werden, aber dann doch eine Platte mit Prosciutto und Formaggio mit etwas Pane bekommen.

Nach abschließendem Zitronenkuchen mit Cappuccino deutlich gestärkt zeigt der Blick nach draußen sogar schon erste beständige Sonnenstrahlen und motiviert beschließen wir den Straßenuphill in Richtung Col Agnel in Angriff zu nehmen. Nach kurzer Ortsbesichtigung schrauben wir uns gemütlich und beständig die wenig befahrene Straße bergauf. Die Sicht zurück wird immer besser und wir kommen gut voran, die aus dem Tal aufsteigenden Nebelfetzen werden teils auf faszinierende Weise vom Wind die Berge entlang gewirbelt, und erzeugen eine ganz eigene Stimmung. Auf den höchsten Spitzen um uns liegt eine dünne Schneeschicht.

Nur mit kurzen Foto- und Trinkpausen kommen wir der Passhöhe näher, und plötzlich blitzt zum ersten Mal der Gipfel des Monviso aus den Wolken, der alles umragende Wächter der cottischen Alpen.

Noch vor 14 Uhr erreichen wir den Col Agnel, auf dem ein Stein den Grenzverlauf zwischen Italien und Frankreich markiert. Hinter uns bietet sich ein Blick wie aus dem Flugzeug: eine dichte weiße Wolkendecke, nur vereinzelte Bergspitzen ragen darüber hinaus. Nach längerem Fotoshooting und eingehender Betrachtung des für morgen geplanten Passes, dem Col Vieux, rollen wir noch knapp 300 Höhenmeter bis zum Refuge Agnel bergab, wo wir übernachten wollen. Ohne größere Probleme bekommen wir einen Platz und machen sogar eine Dusche ausfindig, wo meine werten Mitstreiter Christoph und Timm meinen Adrenalinspiegel etwas steigen lassen: von den wieder recht kühlen Temperaturen schon leicht angefröstelt sichte ich unter dem Duschkopf nur einen einzigen, mit blauem Punkt markierten Hahn und erhalte die lapidare Auskunft, dass die Dusche im Santuario (Tag 1, legendär kalt) im Vergleich angenehm gewesen sei. Ich überlege mir schon ernsthaft auf jedwede Waschaktion zu verzichten, bis mein vorsichtig in den Wasserstrahl gestreckter Zehen signalisiert: zumindest semiwarm, der Abend ist gerettet.

Nach längerem Wärmen an einem herrlichen Ofen, Waschaktion der Radklamotten und kurzer Bikepflege machen wirs uns im Gästeraum gemütlich, und verbringen die Zeit bis zum Abendessen mit Plauschen, Kartenstudium und Tourenbuch.

Beim Abendessen machen wir erstmalig Bekanntschaft mit den französischen Esssitten: nach der Vorspeise in Form einer Suppe kommen auf jeden Tisch kollektiv große Platten mit der Hauptspeise (selchähnliches Fleisch mit Kartoffeln) – leider haben die neben uns sitzenden Bergsteiger ähnlich großen Hunger wie wir. Wir wähnen uns sicher und witzeln auf Deutsch herum, wie wir denn wohl das Maximum an essbarem für uns sichern könnten, bis Timm (rudimentär des Französischen mächtig) herausfindet, dass zumindest ein paar deutsche Wortfetzen von den Franzosen wohl verstanden werden. Hoffentlich war das ein Irrtum... ;)

  

 

Do, 17. Aug 2005: Refuge Agnel - Col Vieux - Bouchousetal - Echalp -Belvedere du Viso - Refuge du Viso

Höhenmeter bergauf: 1050 Hm

Kilometer: 21,0 km

Zeit: 2 h 55 min (8.40 bis 14:30)

 

 

TO BE CONTINUED