2005 - Grand Raid Wallis

 

Routenüberblick: Pont Canavese - Col del Nivolet - Aosta - Fenetre de Durand - Croix de Coeur - Heremence - Pas de Lona - Grimentz - Forcletta - Turtmanntal - Mattertal - Simplonpass - oberes Rhonetal - Passo San Giacomo - Domodossola (10 Tage)


Di, 19. Jul 2005: Start frei für unser großes heuriges Bikeunternehmen, das uns erstmals nicht über die quasi vor der Haustür liegenden Pässe der Ostalpen, sondern durch die wilderen Gefilde weiter westlich führen sollte. Wir, das waren in diesem Jahr: wiederum mein Mitstreiter der letzten beiden Touren, Timm Zörgiebel aus Dresden, als "Neuling" mein MTB-Freund Christoph Kuen aus Innsbruck, und meine Wenigkeit (alias Mr.-"Wir-sind-eh-gleich-da")
Da das anvisierte Gebiet noch nicht so gut abgefahren und dokumentiert war wie die bekannten Transalp-Routen zum Gardasee, hatte ich soviel Planungs- und Recherchearbeit investiert wie nie zuvor, und über den ganzen Winter immer wieder Kartenmaterial, Bücher, und vor allem Internetforen gewälzt. Trotzdem, oder gerade deshalb war die Spannung groß wie nie zuvor, was uns heuer für abenteuerliche Wege erwarten würden.
Startpunkt der Tour sollte Ceresole Reale im Val Locana sein, nordwestlich von Turin gelegen, und damit wären wir schon beim ersten Tag und dem ersten Abenteuer: die ganztätige Anreise per Zug nach Italien, und Zug + Rad ist ja bekanntermaßen in vielen Fällen eine absolut unverträgliche Kombination (siehe Bericht im Vorjahr). Um 8 Uhr 30 standen wir unter dunklen Wolken am Bahnhof Innsbruck, gerüstet mit Zugabfahrtszeiten und Lesestoff für die lange Fahrt. 8 Uhr 50: der Regionalzug in Richtung Brenner fährt ab, und es hat sich noch kein Schaffner über unsere Räder aufgeregt - da kann was nit stimmen. Na erfreulich, um halb 10 am Brenner angekommen machen wir uns an die flotte Abfahrt über die Bundesstraße bis nach Sterzing, da wir dort die Wartezeit bis zum Anschlußzug mit einem gemütlichen Cappucino überbrücken wollen. Und siehe da, kaum auf der anderen Seite des Alpenhauptkammes angekommen, reißt der Himmel auf, Sonne über der Altstadt von Sterzing, und so kann bei besagtem guten Cappucino und einem Apfelstrudel gleich richtige Urlaubsstimmung aufkommen!

Derart guter Laune klappt auch der Kauf der Tickets für die Weiterfahrt gut (inklusive Fahrrad nur 28€, das soll den Italienern mal einer nachmachen!), und um viertel vor 12 sitzen wir im Interregio nach Verona. Dort angekommen, schaffen wir es, innerhalb von 5min in den richtigen IR Richtung Mailand umzusteigen, womit die wichtigsten Hürden für den heutigen Tag genommen waren. In Milano blieb uns kurz Zeit die gewaltige Bahnhofshalle von außen zu bewundern, und um kurz nach 7 erreichen wir mit dem nächsten Interregio wohlbehalten, und vor allem inklusive Bikes Turin. Dort müssen wir bereits die ersten Kilometer abspulen, um zu unserem etwas außerhalb gelegenen (bereits vorreservierten) Hotel "Holiday Inn" zu gelangen, aber dafür erwarten uns dort gemütliche Zimmer, eine Hotelgarage zum Bikeabstellen, und eine erfrischende Dusche!
Beim Abendessen in einem nahegelegenen Restaurant (nur 200m entfernt, damit wohlgemerkt bereits außerhalb Turins gelegen) freuten wir uns über das mediterrane Flair, eine richtig gute Pizza, und über den geglückten ersten Teil der Anfahrt. Versehen von ungefähr 15 Mückenstichen pro Person trollten wir uns knapp vor 11 in unsere Betten.


 

Mi, 20. Juli 2005: Ceresole Reale - Col del Nivolet - Albergo Savoia

Höhenmeter bergauf: 1050 Hm
Kilometer: 22,5 km (+20 km in Turin)
Zeit: 2h 20 (14:30 bis 18:00)


Am nächsten Tag wurde es in Sachen Anfahrt erst richtig spannend, sollte es doch mit der lokalen "Ferroviaria" und danach per Bus weiter in Richtung Ceresole Reale gehen.
Gestärkt von einem für italienische Verhältnisse phänomenal guten Frühstücksbuffet mit Toast, Müsli, Säften, Obst und sogar verschiedenen Croissants machten wir uns knapp vor 9 Uhr an die Rückfahrt ins Zentrum von Turin, wo wir den Einstiegspunkt besagter Lokalbahn ausfindig machen wollten. Nach einigem Herumfragen schafften wir es zur Station "Torino Dora", wo wir dank eines sehr hilfsbereiten Bahnbeamten sowohl Tickets, genaue Abfahrtszeit (11.56) als auch Bahnsteig (Numero 2) erfragen konnten. Damit blieb sogar noch Zeit für eine Fahrt zurück nach Turin, wo wir nach Kurzbesichtigung einiger Kirchen neben einem Cappucino noch Obst zur Stärkung erstanden. Um 11.45 zurück in Torino Dora wollten wir erst mal zielstrebig in den falschen Zug einsteigen, wovon uns eine freundliche Reinigungskraft im letzten Moment noch abhalten konnte - tja, auf italinischen Bahnhöfen gibts halt auch mal zwei Bahnsteige mit der Nummer 2... nach Einfahrt des richtigen Zuges bekam ich nochmal Stress, als ich das relativ dichte Gedränge auf den Gängen bemerkte, doch ganz ohne Schimpflaute sowohl von Schaffnern als auch Passagieren durften wir unsere Räder im Eingangsbereich deponieren. Da ich von den ÖBB in der Hinsicht schon ganz andere Behandlung gewohnt war, war ich erstmal wieder baff, doch es sollte noch besser kommen.
Ein sehr freundlicher alter Herr auf dem Sitz neben mir, konnte mir in einem Mischmasch aus Italinisch und Zeichensprache verklickern, dass der Zug nicht wie gedacht bis nach Pont Canavese, sondern nur bis zur Ortschaft Rivarolo fahren würde, doch er würde uns den Anschlußbus zeigen. Uje, ich befürchtete schon wieder Übles, noch mehr als ich in Rivarolo den bereits wartenden Bus sah, an dem weder Fahrradträger noch im inneren ausreichend Platz zu erkennen war. Doch: alle umsteigenden Fahrgäste setzten sich ganz ohne böse Blicke oder Murren in den vorderen Bereich des Busses, während wir unsere Fahrräder nach kurzem Wort-, eher Gestenwechsel mit dem Busfahrer in den Gang (!) im hinteren Busteil stellten.
Alle drei konnten wir es nicht wirklich fassen, mit welcher Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft die Leute uns hier begegneten, der ältere Herr aus dem Zug verabschiedete sich bei seiner Ausstiegsstation sogar von jedem einzelnen von uns mit Handschütteln und den Wünschen für eine gute Weiterfahrt. Da könnten sich der/die typischen Österreicher/innen mal eine kräftige Scheibe abschneiden!
Nun, auch der letzte Umstieg in den Bus Richtung Ceresole Reale sollte gut klappen, wobei wir nur ein Rad im Bus abstellten, die anderen beiden wanderten in das Gepäckfach. Für nur 2,10€ pro Person erwartete uns nun eine wirklich spektakuläre Busfahrt durch das wilde Val Locana, wobei mit jedem Kilometer die Felswände enger auf uns zurückten und die Straße schmäler und steiler wurde. Faszinierend die Ursprünglichkeit der wenigen, winzigen Ortschaften neben der Straße, fast allesamt mit alten Schiefersteinplatten gedeckt. In einigen Kurven blieben zwischen Bus und Häusern nur wenige Zentimeter Platz.

Kurz vor halb drei hieß es: Endstation Cereseole Reale, ich konnte unser Glück noch gar nicht richtig fassen, es wirklich bis hierher geschafft zu haben! Der Himmel inzwischen strahlend blau, die Aussicht auf die Berge bereits berauschend war die Laune bei uns allen drei blendend, daran konnte sogar nicht ändern, dass bei dem doch etwas groben Transport im Unterraum des Busses die Halterung meines Tachos demoliert worden war - ein Gummiband konnte die Funktion wiederherstellen, und ab gings auf der asphaltieren Passstraße in Richtung Col Nivolet.
Zum Warmfahren schraubten wir uns locker im ersten oder zweiten Gang die angenehm flache Straße in Richtung Lago Serut. Die Straße führte in vielen Kehren wie durch einen Zauber in die Landschaft gelegt bergwärts, und mit jeder Kurve wurde die Aussicht besser, nur wenige Autos störten den Frieden dieser Landschaft.
Bei der ersten Pause auf Höhe 2100 wurden ausgiebig Fotos mit Timms nagelneuer Panasonic Lumix FZ20 geschossen, wobei ich auch versuchte den Weg auf den nahegelegenen Col du Carro zu erspähen (ein abenteuerliches Bikeunternehmen beschrieben von Achim Zahn in seinem Cross Martigny-Nizza), leider ergebnislos. Vorbei an einem leider geleerten Stausee gings zum nächsten, dessen Wasser in der Sonne wunderschön blaugrün leuchtete. Ohne große Anstrengung erreichen wir den Col Nivolet, wo man gleich von der tollen Aussicht über die Hochfläche von Nivolet begeistert wird, nur der Gran Paradiso zeigt sich von hier noch nicht.
Nach kurzem 100Hm-Downhill erreichen wir knapp nach 6 Uhr unsere Übernachtungsstaion "Rifugio Albergo Savoia". Nach dem Duschen sollte uns dort das großartigste, auf jeden Fall umfangreichste Abendessen erwarten, das ich je auf einer Hütte gesehen habe: als Vorspeiße vier verschiedene exotische Kreationen von Antipasti, dazu Speck, Schinken und Brot. Weiter gings mit jeweils einem halben Kilo Polenta mit bzw. ohne Käse und drei Teller mit verschiedenen Fleischsoße. Als Nachtisch hätte es noch ungefähr einen Kilo (!) Käse gegeben, auf den wir zu Gunsten von etwas leichterem Obst verzichteten. Also es würde sich rentieren, allein wegen des Essens mal am Rifugio Savoia vorbeizuschauen!
Nach Ratespielen, an welchem der von der Abendsonne herrlich angeleuchteten Berge im Nordwesten wir morgen wohl vorbeimüssten, gings mit großen Erwartungen um knapp vor 10 ins Bett.


 

Do, 21. Juli 2005: Albergo Savoia - Jagdhaus Auoille - Col del Mento - Lago Djouan - Weg 7 ins Valsavaranche - Eau Roussex - Richtung Col Lauson bis Höhe 2960 - Valsavaranche/Degioz

Höhenmeter bergauf: 1806 Hm (+100 Hm abends)
Kilometer: 51,9 km
Zeit: 7h 50 (8:15 bis 20:30)


Ortler, Wildspitze, Gran Paradiso - Namen, die den Kopf eines Bergsteigers so lange beherrschen und zum Träumen inspirieren, bis er diese Gipfel endlich bestiegen hat. Col Lauson war für mich ein Name, der monatelang in meinem Kopf herumspukte und für mich das persönliche Highlight der heurigen Tour war. Doch es sollte anders kommen... trotzdem eine der erfahrungsreichsten Bikeerfahrungen überhaupt, für mich persönlich auch eine der beeindruckendsten, doch fangen wir vorne an.
Um halb 7 in der Früh erwartete uns beim Blick aus dem Fenster strahlendblauer Himmel, und beim Blick in den Gästeraum ein typisch italienisches Frühstück mit Weißbrot und Packerlmarmeladen - aber nach dem gestrigen Abendessen war das mehr als akzeptabel. Die Packroutine ließ am ersten Tag noch etwas zu wünschen übrig, doch um viertel nach acht konnten wir um je 40€ erleichtert starten.
Auf den nächsten beiden Kilometern ließ sich sehr schön der erfolglose Versuch beobachten, die Passstraße bis ins ValSavaranche weiterzuführen: zuerst gings auf Asphalt weiter, dann auf plattgewalztem Schotter zweispurig, einspurig, und schließlich auf grobem Schotter, unter uns immer das in der Morgensonne funkelnde Band eines Gebirgsbaches am Piano del Nivolet. Die ersten Murmeltiere konnten wir auch schon sichten, während sie in teils halsbrecherischen Aktionen vor uns über die Felsblöcke flüchteten.
Die grobschottrige Straße wurde immer unwegsamer, bis... ja, bis ins Nichts. Darauf waren wir aber vorbereitet, denn laut Karte hieß es nun ca. 500 weglose Meter bis zum nächsten Pfad zu queren. Nun, das erste kleine Abenteuer des Tages konnte beginnen, über einen steil abfallenden Wiesenhang querten wir den Hang in Richtung Norden, soweit möglich leicht schräg bergauf. Dabei trafen wir auf einige elegant auf Felsklötzen thronenden Gemsen, wobei gleich der 12fach-Zoom von Timms Lumix voll ausgetestet wurde - eine willkommene Pause im doch mühsamen Dahinschieben und -tragen über die Wiesenmugel. Wir waren sicher schon knapp 30 Minuten unterwegs, als endlich das verfallene Jagdhaus Auille in Sicht kam, ein flacher, schiefergedeckter Bau, der früher König Emmanuelle II. als Unterkunft während seiner Jagdunternehmungen gedient hatte. Einigen winzigen Steinmännern folgten wir nochmals 10min schiebend, diesesmal aber steil den Hang bergauf. Die Orientierung ist schwierig, doch dann treffen wir Gottseidank auf den königlichen Jagdweg Nr. 8.

Endlich wieder fahrend, gehts mit auf dem flachen Pfad Richtung Nordosten, mit erstem tollem Panorama auf den majestätischem Felsstock des Gran Paradiso, und im Norden kann auch schon der Grand Combin erspäht werden. Einige kleine Felsrutsche zwingen uns zum Radtragen, aber insgesamt ist die Wegtrasse relativ gut erhalten. In einer kleinen Talmulde angekommen gibts nochmals Orientierungsprobleme beim Queren eines Baches, man muss wirklich genau auf die wenigen Steinmänner und Markierungen achten, da immer wieder Wegspuren von anderen Irregeleiteteten in die falsche Richtung weiterlaufen.
Aber die Trasse zum Col del Mento ist gut zu erkennen, und anfangs über die felsdurchsäte Wiese auch noch gut zu befahren. Die letzten 100 Höhenmeter schieben wir, unter uns glänzt eine grünblaue Berglacke - eine Oase der Ruhe. Am Col del Mento angekommen treffen wir eine holländische Wandergruppe, die uns und vor allem unsere Bikes bewundern, zur Stärkung bekommen wir gleich eine viertelvolle Packung Studentenfutter geschenkt. Wir machen nicht lange Pause, da der Weg bisher doch viel Zeit gekostet hat, so realisiere ich nur so halb, dass wir gerade schon auf 2795m Höhe stehen, und das "nur so im Vorbeigehen"! Meine Laune ist herrlich, die tolle Aussicht, das schöne Wetter... wir starten den gleich von Anfang an schwierigen Downhill. Doch volle Konzentration zum Fahren ist nicht lange erforderlich: nach wenigen 100 Wegmetern stehen wir vor einem schier unübersehbaren Felsrutsch, riesige Felsklötze stapeln sich auf der königlichen Wegtrasse. Mir wird etwas mulmig, doch da müssen wir drüber. Mit aller gebotenen Vorsicht starten wir die Querung, die Räder meist auf der Schulter. Die Holländer vor uns sind noch in Sichtweite und kommen auch nicht wesentlich schneller als wir vorwärts. Alle paar Meter können wir uns an Markierungen orientieren, ein Hinweis darauf, dass der Felsrutsch noch relativ neu sein muss. Wir brauchen knapp 40 Minuten, bis endlich wieder der Weg sichtbar wird, glücklicherweise ohne verknackste Knöchel und demolierte Schienbeine können wir weiterbiken.
Was nun kommt, ist bikerischer Hochgenuß: auf einem immer leicht abfallenden, handtuchschmalem Schotterpfad rollen wir am Lago Djouan vorbei in Richtung Valsavaranche. Zwischenzeitlich wird der Weg verblockter, Timm und ich sind um unsere Vollfederungen froh, Christoph muss immer wieder mal schieben. Mit Erreichen der Waldgrenze müssen wir ein paar Wegaschnitte schieben, dann kommt folgt nochmals ein genialer Trailrausch durch den Wald (auf Weg 7) bis nach Eau Rossex im Valsavaranche.
Wow, das war eine erste Tageshälfte! Beim Blick auf die Uhr folgt leichte Ernüchterung, es ist schon kurz nach 1 Uhr, ich wollte ursprünglich um 11 im Tal sein. Tja, Weg falsch eingeschätzt... doch an Felslawinen und sonstige Hindernisse sollten wir uns wohl noch gewöhnen sollen ;) Wir gönnen uns um 5€ eine Portion Pasta in einer nahegelegenen Pension, wo uns die junge freundliche Bedienung für "crazy" erklärt, nachdem wir ihr unsere weiteren Pläne erklärt hatten. Was solls, kurz vor 2 Uhr starten wir zum größten Abenteuer des heutigen Tages, dem Col Lauson.
Ein magischer Name, so viele Träume des Winters haben sich um diesen Pass gedreht, wo wir die sagenhafte Höhe von 3295 Metern mit einer knappen Stunde schieben erreichen sollten. Am ersten Wegweiser heißts 5 Stunden bis zum Pass, na hoffentlich sind wir schneller! Die ersten Wegmeter führen über riesig grobe Pflastersteine steil bergauf, fahren unmöglich, doch das wussten wir im voraus. Nach einer halben Stunde schieben wird der Weg flacher, aber mit dem schweren Rucksack immer noch einen Tick zu steil und verblockt um locker fahren zu können, außerdem brennt die Sonne unbarmherzig, wir schieben weiter.
Nach einer weitern viertel Stunde macht sich bei mir leichter Frust breit, vor allem wegen der Verantwortung den anderen gegenüber, ich schwinge mich aufs Bike und fahre so langsam wie möglich konzentriert bergauf, es geht doch. Als ob der Weg mir einen Gefallen tun wollen würde, wird es flacher, Nadeln bilden den Untergrund, das Treten wird leichter. Hochaufstehende Regenrinnen und steile Spitzkehren zwingen uns immer wieder aus dem Sattel, aber den Großteil des Weges kann man nun fahren, und meist macht das Treten auf dem schönen Waldboden richtig Laune. Bis auf gut 2200m gehts auf diese Weise weiter, dann müssen wieder gut 50Hms geschoben werden, große Felsblöcke liegen am Weg. Danach ist das Jagdhaus Levionaz erreicht, wo Gottseidank ein Brunnen steht, die Hitze hat unsere Wasservorräte schnell schwinden lassen. Es ist schon 16 Uhr, und erste Zweifel machen sich bei mir breit, wann wir den Col Lauson erreichen. Eine kurze Pause muss trotzdem sein, vor allem mit dem grandiosen Blick auf die andere Talseite, wo unser am Vormittag zurückgelegter Weg liegt. Wir schießen ein paar Fotos, trinken reichlich, und rollen dann gut gelaunt in den vor uns liegenden Talkessel, der Weg ist kurzzeitig flach und ich denke mir schon "Super, so könnts weitergehen!"
Weit gefehlt, bereits am ersten Hang wird der Weg wieder steil und verblockt, und schließelich wohl sogar für einen Fahrtechnikprofi zu schwierig zu fahren. Schweigend schieben wir weiter, doch ich genieße die Ruhe dieses abgelegenen Felskessels, kein Mensch weit und breit, nur der blaue Himmel und die Berge vor uns. Aber mit jedem weitergeschobenen Meter wird mir wieder mehr bewußt, wie weit wir noch von unserem Ziel entfernt sind... auf 2450m Höhe angekommen, stelle ich ein erster Umkehrultimatum. Da das Wetter sehr stabil scheint, und wir noch gut bei Kräften sind, entscheiden wir uns fürs Weitergehen. Wir schieben die meiste Zeit, auch wenn immer wieder Abschnitte fahrbar wären, der Pfad wird wieder etwas flacher.
Ich versuche immer wieder den weiteren Verlauf und vor allem den Pass zu erspähen, ergebnislos. Viel mehr wirken die steil aufragenden Felswände so, als ob hier kein Weg hinausführen könnte! Um 17.15 sind wir auf 2750m Höhe angekommen, Verzweiflung nagt in mir. Wir müssen kurz Pause machen, um zu essen, sozusagen als Motivation sehen wir in einiger Entfernung die ersten Steinböcke. Trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit gehen wir noch weiter, der Weg ist inzwischen so ausladend, dass wir wieder gnaze Stücke fahren können, doch langsam wird auch die Luft dünn. Meine Gedanken kreisen darum, wie wir weitermachen sollen, schließlich fühle ich mich doch für unseren kleinen Trupp verantwortlich. Um 18 Uhr sind wir zwischen 2950 und 3000m Höhe, und endlich kann ich die Passhöhe erspähen, eine Schotterhalde, durch die sich der Weg bergauf windet. Wir hätte keine Chance, vor 19 Uhr auf dem Joch zu sein, und wer weiß was für eine "Abfahrt" uns dann erwarten würde. Aus.

In dem Moment, in dem wir uns fürs Umkehren entscheiden, fühle ich mich auf einmal erleichtert, und meine Laune wird besser. Wir ziehen uns warme Sachen an, und ich bekomme wieder einen anderen Blick für die herrliche Umgebung. Vor uns Felshänge, an deren oberem Rand die Gletscher hängen, die Abendsonne gibt dem ganzen ein besonderes Flair. Und am besten, ganz in unsere Nähe können wir ein Rudel Steinböcke sichten, Timm gelingt eine Traumaufnahme von einem Exemplar in voller Größe. Wir schießen noch einige Fotos der beeindruckenden Bergwelt, und ich halte Höhe und Temperatur vom Tacho fest. Mit einem Riegel gestärkt machen wir uns an den Downhill, der nun mehr als Spaß macht - bergab ist der Weg ein Genuß! Wir werden nochmals kurz aufgehalten, als sich Timm ein Kettenglied verbiegt, doch mit Kettennieter lässt sich dieses Problem glücklicherweise schnell beheben. Nach coolem Trailsurfen durch den Wald erreichen wir kurz vor halb 9 (!) das Tal, wo wir mit großem Glück noch in einem günstigen Bed and Breakfast unterkommen können, sogar ein ganzes Apparment für nur 25€ pro Person für uns haben können! Die freundliche Besitzerin übernimmt sogar die Absage am Rifugio Vittorio Sella für uns.
Zum Abendessen müssen bei inzwischen vollständiger Dunkelheit nochmals ein paar Höhenmeter auf der Talstraße vernichtet werden, wo wir unsere heute Leistung mit köstlichen Nudeln, gutem Espresso, und für Timm und Christoph mit einem guten "Panaschee" feiern. Nach Rückfahrt im Mondlicht und einer kurzen Dusche fallen wir um kurz vor 11 hundemüde in unsere Betten.
Dieser Tag wird tief im Gedächtnis bleiben, und allen Widernissen zum Trotz ist zumindest bei mir inzwischen eine Entscheidung gefallen - dieser Pass sieht mich wieder, mit besserer Kondition., leichtem Rucksack und vor allem einem ganzen Tag Zeit wird dieses Unternehmen irgendwann nochmals angegangen!

 


Fr, 22. Juli 2005: Valsavaranche - Villeneuve - Aosta - Roisan - Doues - Alp Champillon - Rifugio Champillon

Höhenmeter bergauf: 2105 Hm
Kilometer: 69,2
Zeit: 6h 15 (9:40 bis 18:45)


Den nächsten Tag gehen wir etwas gemütlicher an, erst kurz vor halb 8 kriechen wir aus unseren Betten. Das Frühstück wird im Wohnzimmer der Gastfamilie serviert, wo wir bei köstlichem selbergebackenem Brot, Müsli und Rosinenkuchen die alte Holzvertäfelung und andere urtümliche Einrichtungsstücke bestaunen.
Relativ spät, um viertel vor 10 machen wir uns an den rasanten Straßen- und Forstwegdownhill ins Val d'Aosta, auf dem wir zwischenzeitlich nur von einem Platten bei Christoph gestoppt werden. Selbiger flucht deshalb fürchterlich, doch der Schlauch ist ruckzuck geflickt... aber nicht für lange. Nach kurzem Aufenthalt im Stadtzentrum von Aosta, wo wir uns mit etwas Obst stärken unsere Wasservorräte auffüllen, machen wir uns an unser umfangreiches Nachmittagsprogramm, den 2000-Höhenmeteranstieg ins Valpelline.
Wir haben noch nicht 200 Höhenmeter auf der von uns gewählten, wenig befahrenen Nebenstraße zurückgelegt, als plötzlich lautes Fluchen unsere gleichmässiges Treten unterbricht: Platten Nummer zwei bei Christoph. Nun, was solls, nochmaliges Flicken, wobei wir diesesmal ganz genau auf Störkörper im Mantel achten, aber wiederum nichts finden können. Leiser Verdacht fällt bereits auf das billige Plastikfelgenband, dessen relativ scharfe Kanten dem Schlauch zu schaffen machen könnten, aber mangels Ideen wird der geflickte Schlauch wieder montiert. Nun, das geht vorerst gut, nach einem kleinen Abstecher auf einen schönen Nebenweg verlassen wir die Talstraße endgültig, bevor Christoph nach weiteren 300 Höhenmetern wieder unflätige Schimpfworte von sich geben darf... platt. Nun, nach genauer Schlauchuntersuchung einigen wir uns endgültig darauf, dass einfach das scharfkantige Felgenband schuld sein muss, doch wie das Problem lösen? Nun, für was hat man ein Erste-Hilfe-Set mit festklebendem Tape, das zufällig genau die Innenbreite der Felge hat! Gesagt, getan, das Felgenband wird mit Notfall-Tape überklebt, der Schlauch wieder montiert, und damit hatten wir für den Rest der Woche Ruhe!
In Doues wird die erste offizielle Riegelpause eingeschoben, die ich dann auch dringend nötig habe... doch beim weiteren Uphill auf gleichmässig ansteigendem Asphaltsträßchen (wo wir nochmals durch einen Defekt gebremst werden, Timms notdürftig geflickte Kette machte Probleme) sind wir dann alle drei recht gut in Tritt, zumal sich bei dem immer noch stahlblauem Himmerl wunderschöne Rückblicke auf die Grajischen Alpen und den Gran Paradiso-Stock ergeben. Vorbei an urtümlichen Häuschen erreichen nähern wir Alp Champillon, wo wir entsetzt feststellen müssen, dass hier mitten in die herrlichen Wälder Schihänge gebaut werden... leider scheint der Massen-Wintertourismus auch vor dieser ursprünglichen Region nicht halt machen zu wollen.

Erst um halb 6 erreichen wir schließlich Alp Champillon, wo wir uns erstmal wärmer anziehen (es ist inzwischen unter einigen Wolken empfindlich kühl geworden) und dann von der direkten Route in Richtung Rifugio Champillon abzweigen. Nach 300 steilen Forststraßenhöhenmetern heißts nochmals kurz schieben, bevor wir um halb 7 die nigelnagelneue Hütte erreichen, die erst vor einem Jahr eröffnet hat. Die Wirtsleute sind zwar nicht unfreundlich, doch leider wirkt das Haus von innen etwas kahl und deshalb unwirtlich, und zu meinem persönlichen Ärger trägt noch bei, dass ich mich etwas ausgekühlt unter die Dusche stelle, mich auf den warmen Wasserstrahl freue (die Dusche kostet nämlich 2€, da schließt man wohl automatisch auf Warmwasser) ... und dann mit eher kaltem als lauwarmen Wasser beglückt werde. Frust! Ich friere noch eine knappe halbe Stunde weiter, was mir in den nächsten beiden Tagen leichte Halsschmerzen eingebracht hat.
Dafür bekommen wir ein reichhaltiges Abendessen mit Nudeln und Polenta (das übliche Panaschee wurde hier mit folgendermaßen serviert: Dose Bier, Dose Sprite und ein 0,1l Glas - viel Spaß) und vor allem ein grandioses Abendpanorama vor der Hütte serviert. Im Norden steht der riesige Felsklotz des Grand Combin, und daneben sieht man gut den morgigen Weiterweg übers Fenetre de Durand. Nach einigen Fotos, Rückblick auf die rot leuchtenden Wolken über den grajischen Alpen, und kurzem Biketechnikcheck liegen wir um halb 11 in unseren Betten.

 


Sa, 23. Juli 2005: Rifugio Champillon - Alp Champillon - Alp Thoules - Fenetre de Durand - Val de Bagnes - Lac Mauvoisin - Lourtier - Sarreyer - Verbier Village

Höhenmeter bergauf: 1650 Hm
Kilometer: 59,7
Zeit: 5h 50 (8.15 bis 17.30)


Start in den Tag um 6.45, das Fenetre de Durand mit den Felsklötzen des Grand Combin und Mont Gele daneben ist in weiche morgendliche Sonnenstrahlen getaucht. Unser Vorwärtsdrang wird etwas vom verspätet servierten Frühstück verzögert, aber dafür gibts zumindest soviel (Weiß-)brot wie wir haben wollen... trotzdem war diese Hütte den Abstecher wohl nicht wert und wird uns wahrscheinlich nicht wiedersehen.
Mit Highspeed kehren wir zur Originalroute bei Alp Champillon zurück, wo es entlang einer herrlich geführten Forststraße immer entlang der 2000Hm-Grenze in Richtung Norden weitergeht. Diese Fahrt in der Morgensonne entlang vieler alten Almen macht Laune, die Südwand des Grand Combin füllt das Gesichtsfeld immer weiter aus. Nach gut 400 Höhenmetern bergauf endet mit der Forststraße das Treten an Alp Thoules, ab hier muss nochmals dieselbe Höhendistanz auf einem Wanderweg zurückgelegt werden. Wir schieben durch die herrliche Landschaft, ein kleines Stück über eine Blumenwiese ist sogar noch fahrbar, doch dann ab dann ist es auf dem verblockten Weg kraftsparender, das Rad zu schultern. Viele seltene Bergblumen finden sich seitlich des Weges, und nach einer Weile sichten wir sogar mehrere Edelweiß. Drei Biker kommen uns von oben entgegen, eine Seltenheit auf der heurigen Route.
Auf dem steilen Weg fließt der Schweiß in Strömen, knapp unterhalb der Passhöhe können wir bei einem kleinen Bergbach glücklicherweise unsere Wasservorräte wieder auffüllen. Fünf Minuten später ist das Fenetre de Durand erreicht, 2800m hoch - Berg heil! Unter dem itaienisch-schweizerischen Grenzschild machen wir es uns gemütlich, genießen die mehr als grandiose Aussicht auf beide Seiten: im Norden langgestreckte Gletscherzungen, im Süden die Grajischen Alpen in ihrer vollen Länge. Leider sollte dies der letzte Moment mit richtig schönem Wetter gewesen sein, im Norden ziehen immer mehr Wolken auf.
Nach ausgiebigem Fotoshooting machen wir uns an den Downhill in den Chanrion-Talkessel. Anfangs ist Trailsurfen par excellence angesagt, dann wird der Weg verblockter und wir müssen immer wieder kurze Steilstufen schieben, wobei gute Techniker sicher keine Probleme haben. Im Tal angekommen rollen wir auf der Forststraße talauswärts, der Lac de Mauvoisin rückt ins Blickfeld - trotz tosendem Zufluß aus Gletscherbächen von allen Seiten leider nur halb gefüllt. Am Nordende des Sees rückt das Tal immer enger zusammen, und wir fahren durch spektakulär gebaute Galerien und schließlich sogar Tunnels, um bis zur Staumauer des Sees zu kommen, ein riesiger Klotz aus Beton, der sich an dieser Stelle aber sogar auf eine gewisse Weise in die Landschaft einzufügen scheint. Es ist inzwischen empfindlich kühler geworden, nach dem Anziehen allen Windstopperequipments rasen wir über die Asphaltstraße in vielen Kehren talauswärts. Trails hin, Trails her, so ein Straßendownhill zaubert auch immer wieder ein Grinsen in unsere Gesichter.

In Lourtier angekommen machen wir erst mal Bekanntschaft mit den Preisen in Schweizer Restaurants, wonach wir alle drei fast vom Rad fallen und uns die Verpflegung lieber im nahegelegenen Greisler holen. Ein "Nussküchli" hat ja auch einen guten Nährwert :
Inzwischen ists schon halb 4 geworden, was uns in Verbindung mit dem schlechter werdenden Wetter zu einer erneuten Änderung der geplanten Route bringt, der ich nur mit aller Vernunft und innerem Widerwillen zustimme: Anstatt der Cabane du Mont Fort (was noch 1400 Höhenmeter bedeutet hätte) steuern wir über ein kaum befahrenes Bergsträßchen den Skiort Verbier an, wo jährlich der Start zum Grand Raid Cristalp erfolgt.
Nun, "Skiort" ist ja an und sich ein Begriff, der bei mir refelxartige Abwehrreaktionen auslöst, noch dazu treffen wir in Verbier angekommen erst mal auf einen halben Rummeplatz. Gute Miene zum bösen Spiel gemacht, können wir in der Touristeninformation des Ortes mit viel Mühe ein Appartment ausfindig machen, in dem wir um 55SFR pro Person übernachten können.
Nach einem Abendessen im Trubel des Marktes im Ort (indische Reispfanne um 16 SFR, da lässt man sichs wohl schmecken) findet der Tag doch noch einenversöhnlichen Ausklang: auf einer kleinen Wiese vor unserem Appartment lassen wir uns ein Grillhuhn aus dem örtlichen Feinkostladen (Preis verursacht Herzinfarkt, wird deshalb hier nicht erwähnt) schmecken, wobei die eisbewehrte Nordseite des Grand Combin in einigen durch die Wolkendecke gebrochenen Sonnenstrahlen wunderbar funkelt. Nach Bikecheck und Kleiderwäsche gehts ab ins Bett, für mich mit Aspirin und Halswehtabletten.



So, 24. Juli 2005: Verbier Village - Croix de Coeur - Bisse de Saxon - Cristalp Strecke - Heremence

Höhenmeter bergauf: 1750 Hm (+250 Hm abends)
Kilometer: 60
Zeit: 6h 50 (9.30 bis 19.00)


Der erste Blick aus der Tür (Fenster hatten unsere Zimmer nämlich keine) ist nicht sehr vielversprechend, dunkle Wolken hängen im Westen... nach Rucksack packen gehts per Bike mit den ersten Regentropfen in die zu unserem Appartment gehörige Pension, wo wir ein passables Frühstück bekommen. Wir lassen uns Zeit, draußen geht der erste Regenschauer des heutigen Tages nieder. Nach mehreren Kaffeetassen lässt der Regen glücklicherweise wieder nach und wir starten auf der Strecke des legendären Cristalp in Richtung Croix de Couer.
Nach einigen Höhenmetern vorbei an verschiedensten 4- und 5-Sterne-Tempeln dauerts nicht lange, bis wieder die ersten Regentropfen fallen, und wir uns in unsere Goretexoutfit werfen, in meinem fall modisch treffsicher mit roten Gamaschen kombiniert. Weiter gehts auf der Forstraße, für das schlechte Wetter ist unsere Laune eigentlich recht gut. Nach einer guten Stunde erreichen wir den Pass, wobei leider in alle Richtungen die Aussicht durch graue Wolken getrübt ist, auch die Dents du Midi bekommen wir nicht zu Gesicht.
Nach einigen flotten, und vor allem sehr kalten Forstweghöhenmetern erreichen wir bei inzwischen wieder trockenem die Abzweigung zur Bisse de Saxon, die ich in meiner Unwissenheit als besonders "geniale" Wegvariante für die Weiterfahrt ausgesucht hatte (damit hier auch bißerl gefachsimpelt wird: auf kurzen Downhillstück war ich sehr überrascht von dem phänomenalen Grip meines neuen Michelin Dual Compound Reifens bei Nässe - der Reifen ist wirklich eine Empfehlung wert)
Teils fahrend, teils schieben bewegen wir uns auf dem Wanderweg neben der alten, inzwischen ungenützten Bewässerungsanlage (in Südtirol als Waal, hier als Bisse bezeichnet) ohne große Höhenunterschiede weiter, wobei wir einem Schild mit französischem Kauderwelsch nebst Warnzeichen keine größere Beachtung schenken - ein Fehler. Nach knapp 30 Minuten stehen wir nämlich vor einem Riesenhaufen Baumstämme, mitten im Weg... und jeder Biker weiß, dass die Haftfähigkeit von Bikeschuhen auf nassem Holz ungefähr so groß ist wie die eines Bikereifens am Eislaufplatz. In einem mehr oder weniger haaresträubenden Kraftakt schaffen wir sowohl Bikes als uns selber über den ungefähr auf 30m Länge verlegten Wegabschnitt, was bei trockenem Wetter nur ein halb so großes Problem gewesen wäre.

Entlang der Bisse gehts nun großteils fahrend weiter, bis wir bei einer Lichtung erstmals kurz Pause machen, der Himmel reiß langsam wieder auf, was uns schöne Blicke ins unter uns liegende Rhonetal bringt. Tja, allerdings währt die Freude nur kurz, denn 500m weiter stehen wir vor dem nächsten Hindernis, einer Wegabsperrung, wobei bergwärts ein haarsträubend steiler Pfad als "deviation", Umleitung weiterführt.
Gutgläubig und naiv wie ich bin, gebe ich in etwa folgende Parole von mir "Awo, des wird wohl nit so schlimm sein, wartest mal ich schau mir an was da im Weg liegt". Gesagt, 5min weitergegangen, einen Steinhaufen überwunden... und vor einer riesigen Mure gestanden, die ungefähr 200m weg auf einer Höhe von 150m nach oben und noch mal doppelt so vielen Metern nach unten entfernt hat, meine Laune sinkt gewaltig, vor allem da ich mich für diese bis dato unsäglich Wegwahl verantwortlich. Bei dem 15minütigen Versuch die Mure per pedes zu überwinden demoliere ich mir erst meine Hand, dann meine Brille und schließlich fast mich selbst, dementsprechend unmöglich ist die Querung mit den Bikes auf der Schulter. Demoralisiert kehre ich zu den anderen zwei zurück... nach 10minütiger Beratung beginnt Christoph nach dem selbsternannten Motto "wo ein Mann, da ein Weg" die ersten Wegmeter auf der "deviation" zu überwinden. Obwohl er dank übermässiger Motivation nach fünf Schritten fast wieder den Hang runtergekugelt wäre, entscheiden wir mangels Alternativen einstimmig für diese Variante.
Glücklicherweise wird der Weg nach dem steilen Einstieg etwas zahmer, trotzdem gehts sehr steil in schweißtreibender Manier den Hang bergauf. Erst nach weit über 100 Höhenmetern haben wir den höchsten Punkt erreicht, und es geht wieder bergab zur ursprünglichen Route. Puh. Angesichts der bisherigen Erfahrungen habe ich Zweifel, ob ich unserem kleinen Trupp eine weitere Bisse zumuten kann, aber die gestrichelte Linie in der Landkarte verläuft einfach zu schön entlang der Höhenlinien, also versuchen wir nochmals unser Glück - und landen einen Glückstreffer, dieser Weg führt absolut eben und ohne ohne Hindernisse über mehrere Kilometer dem Hang entlang. Es macht Riesenspaß auf dem weichen Waldboden entlang zu treten, und immer wieder ergeben sich schöne Blicke auf die andere Rhonetalseite. Schließlich gelangen wir knapp vor 7 Uhr nach einigen weiteren Kilo- und Höhenmetern entlang verschiedener Forst- und Asphaltsträßchen zu unserem heutigen Ziel Heremence. Dort beziehen wir im Cafe des Amis Quartier, wo uns der freundliche, deutsch sprechende Wirt zum Abendessen "1km" zum nächsten Ort weiter schickt, da seine Frau, sprich die Köchin heute frei hat... gut, die paar Meter packen wir auch noch, doch aus den paar Metern werden leider noch über 250 Höhenmeter, bis wir endlich am Rande des Hungertods an einem Restaurant ankommen. Dort werden unsere Mühen mit sehr guten "Älplimakkaroni" und einem weniger guten Käsefondue belohnt, der halbe Kilo Käse pro Person hat unsere Kalorienbilanz für den heutigen Tag wahrscheinlich mehr als ausgeglichen! Nach Rückkehr in unsere Pension und einer langen Dusche wird noch kurz ausdiskutiert, ob uns der morgige Tag über den Col de Torrent (näher am Hauptkamm) oder über den Pas de Lona führen soll - die schwere Variante über den Lac de Dix und den Col de Riedmatten traute ich mich nach meinen heutigen Fehlleistungen gar nicht mehr anzusprechen, obwohl mir eigentlich sehr viel an diesem Pass gelegen wäre. Nachdem wir uns einstimmig für den Cristalpklassiker Pas de Lona entschieden hatten gings knapp vor 11 Uhr ab in die gemütlichen Betten.


 


Mo, 25. Juli 2005:
Heremence - Prolin - Euseigne - Trogne - L'avielle - Pas de Lona - per pedes zur Cabane Becs de Bosson

Höhenmeter bergauf: 1960 Hm (+180 Hm zu Fuß)
Kilometer: 30,4
Zeit: 4h 25 (9.00 bis 16.45)


Der morgendliche Blick aus dem Fenster sieht schon etwas erfreulicher aus als am Vortag, nur leicht bewölkter Himmel und die Aussicht auf den heutigen Pass lassen uns hocmotiviert in den Tag starten. Nach gutem Frühstück und Abschied vom freundlichen Wirt, wird mein Vorwärtstrieb gleich auf den ersten Metern in Richtung Prolin (Insiderwitz für Molekularbiologen) ordentlich gedämpft: mein Bauch fühlt sich an, als ob ein Kilo Blei drin liegen würde, was mich im fast Ebenen zur nur mehr mit 5km/h dahinkriechenden Schecke degradiert. Nach einigen Minuten schien mein Magen irgendwie mit den vom Vorabend übriggebliebenen Käseresten fertig zu werden, und ohne größere Probleme gings auf einem unbefahrenen Nebensträßchen auf die andere Talseite, wo wir auf der Cristalpstrecke den Uphill in Richtung Pas de Lona starten. Die Strecke führt uns anfangs auf Asphalt durch die Orte Euseigne und Trogne, die wie viele der Dörfer entlang unseres Weges noch sehr ursprünglich wirken, vor allem wegen ihrer alten, schiefergedeckten Holzbauten.
Die schön Aussicht auf die Gletscher im Süden ist leider immer etwas beschränkt, das gewünschte volle Panorama wird von der zunehmenden Bewölkung die meiste Zeit getrübt... Schade, doch wir sind trotzdem alle drei in guter Laune. Nach einiger Zeit biegen wir auf einen Forstweg mit angenehmer Steigung ab, der uns bis zur Almsiedlung L'avielle bringt. Dort sehen wir wieder die fürs Wallis typischen, pechschwarzen "Ehringer Rinder", die vor den inzwischen auch schon bedrohlich dunkel gewordenen Wolken ein fast schon furchterregendes Bild abgeben. Angesichts dieser schlechter werdenden Wetterlage legen wir nur eine sehr kurze Pause ein und wollen gleich auf dem nun beginnenden Wanderweg weiter in Richtung Pass starten. Keine 10min später ein beeindruckendes Naturschauspiel: waren wir in dem einen Moment noch von Windstille und einigen blauen Flecken in der Wolkendecke begleitet, wälzte sich innerhalb einiger Sekunden eine undurchsichtige dunkle Nebelwand über das Gebirgsmassiv vor uns, und starke Windböen ließen die Temperatur sofort um einige Grad sinken.
In der festen Überzeugung, dass jeden Moment ein übles Unwetter losbrechen würde, flüchteten wir zurück zur nahegelebenen Alm L'avielle, um dort Unterschlupf zu suchen. Ein paar Regentropfen fielen, Goretex-Klamotten raus... doch kurz darauf war der Spuk wieder vorbei, ohne dass ein richtiger Schauer niedergegangen war, und Sonne leuchtete wieder auf unseren Weiterweg. Also, erneuter Start zu dem Wegstück, dass in mehreren Beschreibungen des Grand Raid Cristalp als "berüchtigte Tragepassage" erwähnt wird.
Anfangs eben und teilweise sogar fahrbar gelangen wir ans Ende des Talkessels, von wo der Weg brutal steil und auf teils losem Schotter in Richtung Pass hochzieht. Langsam kommen wir mit Schieben weiter, kaum vorstellbar dass sich hier jedes Jahr 4000 Biker mit bereits 2000 ode rsogar 4000 Höhenmetern in den Beinen noch hinaufquälen können! Nach knapp 45min erreichen wir die Passhöhe, wieder fast 2800m hoch! Nebelschwaden beginnen wieder aufzusteigen und verleihen der uns umgebenden Bergwelt eine fast unwirkliche Aura. Mit warmen Klamotten gönnen wir uns trotzdem eine Pause, und schießen einige Fotos von der tollen, immer wieder wechselnden Wolkenstimmung und mit dem wenige Meter entfernten Passkreuz. Zeitweise haben wir über den Lac de Lona bereits Blick auf das gewaltige Massiv des 4500m hohen Weißhorns.
Trotz aller Euphorie über das tolle "Passerlebnis", der Blick zurück verspricht weniger erfreuliches, und zwar türmen sich nicht weit von uns entfernt wieder dunkle Wolkenberge auf, die mir ein paar Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Wegen dieses drohenden Gewitters, und nicht ganz ohne den Hintergedanken, eine weitere Hüttenübernachtung zu gewinnen, schlage ich den anderen vor, auf der nur gut 150Hms über uns gelegenen Cabane Becs de Bosson zu übernachten. Nach kurzem Für und Wider entscheiden wir uns für diese Variante - es sollte eine der besten Entscheidungen der Woche werden!

In einer nahegelegenen Kuhle lassen wir unsere Räder abgeschlossen zurück, und machen uns an den Aufstieg. Zwischendurch wieder ein blauer Fleck über uns, rückt die fast schon schwarze Wolkenmasse im Westen doch immer näher, unter leisem Donnergrummeln beeilen wir uns weiter zu kommen. Nach 25min treffen wir knapp vor 5 Uhr auf der Hütte ein, wo uns nach meiner vorsichtigen Anfrage, ob eh noch ein Platz frei wäre, von der überaus freundlichen Hüttenwirtin mit einem Lächeln ein ganzes 20er-Lager für uns allein zugewiesen wird. Was es für eine glückliche Entscheidung war, die Sicherheit der Hütte aufzusuchen, zeigt sich in dem Moment, als wir nach fünf Minuten in der Hütte unsere Rucksäcke am Zimmerboden abstellen: vor dem Fenster wird es pechschwarz, Windböen pfeifen um die Hütte und mit einem grellen Blitzschlag bricht ein Hagelunwetter los. Einige Minuten beobachten wir das wilde Gewittertreiben, während die Hagelkörner auf das Dach über uns trommeln. Die Unwetterfront zieht zwar schnell durch, aber da hatten wir trotzdem ordentliches Glück!
Doch nicht nur deshalb sollte sich der Aufstieg rentiert haben. Obwohl die Hütte erst vor vier Jahren gebaut worden war, erwartete uns eine sehr gemütlich eingerichtete Gaststube mit warmen Ofen, wo wir bei Cafe au Lait und Schokolade in einigen hütteneigenen Fotoalben mit herrlichen Aufnahmen blätterten. Nachdem es draußen wieder etwas aufgerissen hatte, gönnten wir uns eine Waschaktion am und im erfrischend (eis)kalten Brunnen vor der Hütte, die einzige Waschmöglichkeit, dazu gabs bereits einen Vorgeschmack auf das gewaltige Panorama - wir befanden uns wohlgemerkt inzwischen auf 2980m Höhe!
Als gemütlichen Abschluß dieses abwechslungsreichen Tourentages gabs ein gemeinsames Abendessen mit der Hüttenmannschaft und den wenigen anderen Gäste (ein paar französische und deutsche Bergsteiger/innen) an einem Tisch: drei große Töpfe voll mit Käsefondue, das kein Vergleich mit dem wenig gelungenen Fondue vom Vorabend war! Also mit höchstem Genuß die Bäuche mit Käse vollgeschlagen, danach noch Schokolade und mit einem Schnapserl zur Verdauung gehts um knapp vor 10 ins Bett.

 



Di, 26. Juli 2005:
Cabane Becs de Bosson - Pas de Lona - Basset de Lona - Lac de Moiry - Grimentz - Ayer - Alpage Nava - Forcletta - Blüomatt - Turtmanntal - Restaurant Waldesruh

Höhenmeter bergauf: 1630 Hm
Kilometer: 47,1
Zeit: 5h 50 (8.50 bis 18.15)


Mit dem Vorsatz möglichst früh zu starten beginnen wir den nächsten Tag schon um kurz nach halb sieben, doch vor der Hütte erwartet uns ein derart gigantisches Morgenpanorama, das wir fast eine halbe Stunde mit Fotoapparat und den tollen Ausblicken im Freien verbringen. Aus den Tälern aufsteigende Wolken, die ersten Sonnenstrahlen kitzeln gerade über den Horizont, und dazu Ausblicke auf Berge mit so bekannten Namen wie Weisshorn, Dent Blanche, Mont Blanc de Cheilon, Pigne d'Arolla... ein herrlicher Start in den Tag! Sicherheittechnisch bedenklich, aber in dem Fall lobenswert, klettert Timm mit Hüttenschlapfen über Schotter sogar noch mehr als 50 Höhenmeter höher, um ein Rundumpanorama zu erstellen, während Christoph und ich die Sonnenstrahlen und die Aussicht genießen.
Zum Frühstück erwartet uns wider Erwarten sowohl gutes Brot als auch Müsli, was nicht zuletzt dazu beträgt, dass wir diese ungeplante Hüttenübernachtung in bester Erinnerung behalten werden. Nachdem wir uns von der freundlichen Wirtin verabschiedet hatten (Preis mit allem Drum und Dran 70 SFR pro Person), machen wir uns an den Abstieg zum Pas de Lona. Dort finden wir unsere Bikes erfreulicherweise nicht vom Hagel demoliert vor und machen uns an den kurzen Trail bis zum Lac de Lona, von wo eine Schotterpiste wieder einige Höhenmeter zum Basset de Lona bergauf führt. Bei inzwischen herrlich blauen Himmel können wir noch mal an die schöne Hochfläche über den Lac de Lona zurückschauen, bevor es an den Downhill auf einer ruppigen Forststraße in Richtung Lac de Moiry geht, wobei wir immer die riesigen Gletscher am Talende im Blickfeld haben. An der Staumauer des Sees angekommen verzichten wir auf den Trail, auf dem die Originalstrecke des Cristalp nach Grimentz führt, und nehmen für einen kurvenreichen Highspeeddownhill die Asphaltstraße. Nach kurzer Pause bei einem Supermarkt queren wir auf die andere Talseite nach Ayer, von wo wir in auf einer Schotterpiste den langen Uphill in Richtung Forcletta starten. Die ziemlich schwüle Luft zehrt etwas an unserer Kondition und lässt uns nicht so locker wie sonst vorankommen, und der eine oder andere Sitzknochen macht sich inzwischen auch schon unangenehm bemerkbar.
Bis wir auf der Alm knapp über 2500m Höhe angekommen sind, hat sich der Himmel bereits wieder bedrohlich verdunkelt, und ich befürchte schon ein ähnliches Gewitter wie am Vortag. Ein anders geartetes Unwetter gibts vorerst mal von Timm und Christoph, nachdem ich mit Blick auf die vor uns liegende Schotterwüste klarstelle, dass wir nicht nur auf 2800m, sondern auf 2874m müssen - offensichtlich darf man nicht immer allzu großzügig abrunden :
Da ich unbedingt ungefährdet über die Forcletta kommen will, gönnen wir uns nur eine kurze Pause, bevor wir uns an die folgende Schiebepassage auf dem Wanderweg machen. Anfangs können wir ein paar Meter über schöne Blumenwiesen fahren, wo wir sogar noch einen verblühenden Enzian sichten. Mit Blick auf die Passhöhe vor uns trage ich das Bike auf der letzten Steilstufe wieder, die anderen zwei schieben. Schweigend kommen wir voran, das schlechter werdende Wetter drückt etwas aufs Gemüt. Trotz der Wolken ist der Blick zurück auf die hinter uns liegenden Bergketten schön.

Knappe 45min später haben wir die Forcletta erreicht, und das ohne Gewitter. Wir klopfen uns gegenseitig auf die Schultern, der letzte richtig hohe Pass unserer diesjährigen Tour! Mit warmen Klamotten rasten nur ein paar Minuten, dazu ein gutes Stück Supermarktkuchen und soweit die Wolken es zulassen das Panorama auf die vor und hinter uns liegenden Berge. Der bergab führende Pfad in Richtung Blüomatt zwingt uns anfangs noch zum Schieben, doch nach 15min werden immer wieder einzelne Abschnitte fahrbar. Fast schon als Seltenheit kommt uns ein Bikerpaar vor, dass sich den Weg bergauf quält, er voraus, sie 200m weiter hinten - da muss am Teamwork wohl noch etwas gearbeitet werden...
Das letzte Wegstück bis zur Alm Blüomatt können wir problemlos fahren, wo wir uns mit Blick auf einen Riesehaufen Eringer Rinder und die vor uns liegenden Gletscher der Dent Blanche eine gemütliche Pause mit den letzten Resten unseres Supermarkteinkaufes gönnen. Nach dem Forstraßendownhill ins Turtmanntal wollen wir anfangs bis nach Ergisch am Taleingang abfahren, finden aber wider Erwarten eine Übernachtungsstation im Restaurant "Waldesruh", wo wir um nur 42 SFR ein Massenlager inkl. Abendessen und Frühstück beziehen, für Schweizer Verhältnisse eine Okkasion. Nach einem passablen Abendessen, dem üblichen Bikecheck und der Besprechung der morgigen Route gehts um knapp vor 10 auf das gutbelegte Lager.

 


Mi, 27. Juli 2005: Restaurant Waldesruh - Ergisch - Tschorr - Untere Eisschollalp - Breite Stäg - Gärlich - Moos Chalte Brunne - Pletsche - Embd - Stalden - per Seilbahn nach Gspon

Höhenmeter bergauf: 1660 Hm
Kilometer: 61,4
Zeit: 5h 35 (8.50 bis 19.15)


Christoph und Timm starten mit mässiger Laune in den nächsten Tag, nachdem sie auf Grund einiger Schnarcher im Lager fast nie schlafen konnten, insofern hat sich die Okkasion von 42 Franken nicht gelohnt... Für gute Laune sorgt neben dem blauen Himmel jedoch der absolut geniale Downhill auf der Turtmanntalstraße bis nach Ergisch, 20min oder mehr mit 40, 50, 60km/h auf kurzen Geraden mit zahllosen Kurven vertreiben die letzte Müdigkeit!
Der heutige Tag sollte im starken Kontrast zu den Hochgebirgsetappen der letzten Tage über das Mittelgebirge südlich des Rhonetals nach Stalden führen, ein weniger anstrengendes Programm stand also bevor. Den größten Anstieg legen wir gleich am Anfang auf einer unbefahrenen Asphaltstraße bei Sonnenschein in Richtung der Alm Tschorr zurück, wobei wir schöne Tiefblicke ins Rhonetal und auf die Bergketten nördlich von uns, inklusive Bietschhorn, genießen. Nach kurzem Trail und noch kürzerer Schiebepassage (10min) erreichen wir die Untere Eisschollalp, wo sich Christoph bei einer längeren Pause ausgesprochen gut mit einer Kuh anfreundet: fünfminütiges gegenseitiges Anmuhen sorgt neben dem Geruch zahlloser Kuhfladen und unserer Käsejause für absolut authentische Almatmosphäre :
Über Forststraßen und wenig befahrene Nebensträßchen erreichen wir soweit möglich ohne allzuviel Höhe zu verlieren die Ortschaft Gärlich, von wo wir auf der von einigen Autos frequentierten Mautstraße zur Moosalp bergauf treten. Trotz der vielen Touristen auf diesem beliebten Aussichtspunkt gönnen wir uns im neben dem Restaurant Moosalp gelegenen Cafe einen Latte Macchiatto und vor allem absolut traumhaft schmeckende Mehlspeisen, zwar löhnen wir mit 8 bis 10 SFR einen stattlichen Preis, aber sowohl der Apfelstrudel mit Vanillesauce, als auch eine Karamel-Honig-Mousse-Bananenkreation schmecken köstlich.
Für die Weiterfahrt nach Stalden wählen wir nicht die direkte Abfahrt auf Asphalt, sondern fahren auf einem traumhaft entlang den Hang entlangführenden Höhenweg südwärts in Richtung Pletsche. Zwischendurch werden wir von einem Warnschild mit dem Hinweis auf Hausyaks und Kampfrinder aufgehalten, was uns zwar etwas zum Schmunzeln bringt, aber angesichts der muskelbepackten schwarzen Rindviecher mittem am Weg beschließen wir, vorsichtshalber einen gehörigen Bogen um die Kuhherde zu schlagen... möglichst leise und unauffällig schieben wir unsere Räder in 10m Abstand vorbei, und wer macht dabei wieder Unsinn? Christoph natürlich, der nach einem Tritt in einen Scheißhaufen lauthals zu fluchen anfängt uns uns damit zwar die Aufmerksamkeit, aber glücklicherweise nicht den Unmut der Kampfrinderherde zuzieht.
Nach der Alm Pletsche haben wir Probleme, den von mir gesuchten Trail in Richtung Embd zu finden, der mir im Vorfeld der Tour im IBC-Forum empfohlen wurde. Mit etwas Glück finden wir die richtige Abzweigung, und nun folgen einige Höhenmeter traumhafter Fahrgenuß auf einem mal handtuch, mal einmeter-breitem Pfad bis nach Embd, inklusive Fernblicke ins Mattertal und auf das (leider wolkenverhangene) Weißhorn. Bis nach Stalden kommen wir auch noch in den Genuß einer weiteren Highspeed-Asphaltabfahrt - diese Wegvariante war mehr als empfehlenswert!
In Stalden angekommen bewundern wir zuerst eine vorbeifahrende Garnitur des Glacier Express in Richtung Zermatt, bevor wir uns Gedanken über unsere heutige Übernachtungsstation machen müssen. Eine Idee von mir war, in dem einzigen komplett straßenfreien Dort Mitteleuropas zu übernachten, der Ortschaft Gspon, die ungefähr 1000 Höhenmeter über uns am Osthang des Tales thront. Nun, um halb sechs noch zwei Stunden bergauf kurbeln würde nicht gerade zu meiner Beliebtheit als Möchtgernguide unserer kleinen Truppe beitragen, weshalb sich natürlich die absolut urige Lustseilbahn direkt neben der Bahnstation Stalden anbietet... ich überwinde meine Aversion gegen jegliche technische Unterstützung bei einem Alpencross, und nachdem wir vom wiederum ausgesprochen freundlic
hen Personal am Bahnhof herausfinden können, dass wir relativ wahrscheinlich im Gruppenhaus Gspon übernachten könnten, machen wir uns um knapp 10 SFR pro Person ärmer an die etwas abenteurliche Fahrt mit einer uralten, roten Seilbahngondel, in die gerade mal so unsere drei Räder inklusive uns und ein junger Schweizer Bauer passen. Nach einer erheiternden Konversation auf Schwitzerdeutsch erreichen wir mit einer Aufstiegsrate von 100 Höhenmetern pro Minute Gspon, das soll uns mal einer mit dem Bike nachmachen :)
Wie geplant können wir im Gruppenhaus Unterkunft beziehen, und nach schönen Ausblicken auf den direkt vor uns liegene Mischabelgebirgsstock erleben wir zum ersten Mal in der Woche einen richtig schönen, feuerroten Sonnenunterang. Als Draufgabe erwartet uns im Restaurant Mosji (dessen Besitzerin das Gruppenhaus betreibt) ein absolut köstliches dreigängiges Abendessen inklusive Apfelstrudel - ein gelungener Tag geht um kurz vor 11 Uhr zu Ende!

 


Do, 28. Juli 2005: Gspon - Waldweg Richtung Riedji - Visperterminen - Gebidumpass - Nanztal - Hermettje - Bistinepass - Simplonpass - Hospiz Simplon

Höhenmeter bergauf: 1600 Hm
Kilometer: 30,4
Zeit: 4h 30 (9.20 bis 17.00)


Allesamt gut ausgeruht müssen wir uns gleich beim Frühstück fast schon vollends verausgaben, da es ein derart köstliches Büffet mit Vollkornbrot, Croissants, Müsli, Nutella etc. gibt, dass wir (vor allem ich) unsere Bäuche bis obenhin anfüllen. Entsprechend schwer fällt der Aufstieg aufs Rad danach, doch glücklicherweise sollte es vorerst in Richtung des Weilers Riedji bergabgehen (die direkte Variante zum Gebidumpass über xxx, hatte ich am Vortag verworfen, nachdem ich auf einem Flugblatt in der Seilbahnstation lesen durfte, dass ein Erdrutsch Teile des Weges verlegt hatte... und unser Erfahrungsschatz mit Erdrutschen und sonstigen Hindernissen war inzwischen ausreichend)
Nach einigen Fahrminuten auf einem schmalen und sehr steilen Forststräßchen durften wir auf einem absolut traumhaften Waldtrail den Hang in Richtung Visperterminen queren, teils mit viel Flow, dann wieder mit einigen wenigen Stufen gings bis auf knapp 1300m Höhe bergab, und nach einem kurzen Schiebestück erreichten wir ein Asphaltsträßchen, das von Visperterminen in Richtung Gebidumpass führt. Bei blauem Himmel und mit schönen Rückblicken zurück auf die Mischabelgruppe im Süden und das immer noch im Blickfeld befindliche Weißhorn erreichen wir die 300m unter dem Pass gelegene Seilbahnstation, von wo eine extrem steile Skipistenstrecke weiter bergauf führt. Wir versuchen uns noch eine Weile fahrend, doch nach einem Duell zwischen Timm und mir beschließen wir beide, dass ein Puls von 190 für unsere weitere Befindlichkeit nicht unbedingt förderlich ist. Nach einigen Schiebemetern wird die Piste wieder flacher, und wir können die letzten Meter bis zum Gebidum fahren.
Dort erwarten uns vor allem tosende Windböen, doch angesichts des immer noch blauen Himmels gönnen wir uns eine längere Mittagspause am Gebidumsee. Leider ist dieLuft ziemlich diesig, was die Aussicht etwas trübt und wir daher auch wegen des starken Windes nur ein halbes Stündchen am See liegen bleiben. Von unserem Weiterweg zum Bistinepass trennte uns nun noch die Durchquerung des Nanxtales, wo wir zuerst auf einer ruppigen Schotterpiste bis auf 1800m abfahren und uns an die recht steile Auffahrt in Richtung der Alm Hermettje machen, was nach den von mir Informationen die günstigere von zwei Auffahrtsvarianten sein sollte.
Nach knapp 300 Forstweghöhenmetern erreichten wir wie erwartet das Ende der Forststraße, nun musste vorbei an der urigen Alm weglos eine Kuhwiese gequert werden, um den alten Walserweg in Richtung Bistinepass zu erreichen. Wie aus der (grandios präzisen) Schweizer Nationalkarte zu lesen war, stapften wir unter Vermeidung der zahlreichen Kuhfladen ungefähr 10min schräg hangaufwärts nach Süden, wo wir zu meiner großen Freude den Originalweg wiederfanden. In guter Form und mit optimierter Uphilltechnik wäre auf dem etwa ein Meter breien Karrenweg ein Fortkommen im Sattel möglich gewesen, doch die Windböen hatten inzwischen fast schon Sturmstärke erreicht, weshalb wir bis zum Bistinepass noch eine knappe halbe Stunde schoben.

Auf der unspektakulären Passhöhe gönnten wir uns in einer windgeschützen Mulde nochmals eine Powerbarpause, doch mangelndes Panorama und der kühle Wind trieben uns bald zur Weiterfahrt. Der Downhill auf dem technisch wenig schwierigen, nur bisweilen etwas holprigem Karrenweg machte richtig Spaß, und wir nahmen uns sogar die Zeit für ausgedehntes Fotoshooting auf einigen Felsrippen neben dem Weg - man braucht ja Fotomaterial, um die Verwandtschaft zu Hause zu schocken :
Zum Simplonpass waren nochmals 100 Höhenmeter auf Asphalt bergauf zu sprinten, und dort bezogen wir im riesigen Hospiz Quartier, wo wir um günstige 33SFR ein 8-Bett-Zimmer mit Halbpension erhielten. Ohne die autobahnähnlich ausgebaute Schnellstraße wäre auch der Simplonpass ein schöner Ort.... nach einem guten Abendessen (all you can eat!) in einem Gemeinschaftsraum fand der vorletzte Abend bei einem Espresso, Schokolade und Panaschee in der "Hospizbar" noch einen sehr gemütlichen Ausklang.

 


Fr, 29. Juli 2005: Hospiz - Brig - per Zug nach Oberwald - Ulrichen - Richtung Nufenen - Grießsee - Capanna Corno Grieß - Passo San Giacomo - Riale - Domodossola

Höhenmeter bergauf: 1534 Hm
Kilometer: 104,7
Zeit: 6h 30



Der letzte Tag sollte noch einer der ereignisreichsten werden, doch leider nicht nur im positiven Sinn. Beim morgendlichen Blick aus dem Fenster erwartete uns blauer, doch wieder leicht diesiger Himmel. Gleich nach dem Aufbruch erwartete war es natürlich erst mal Pflicht, ein Foto vom gewaltigen (geschätzt 10m) hohen Simplonadler zu machen, der am höchsten Punkt neben der Passstraße thront. Noch mit relativ wenig Verkehr brausten wir auf der Straße in Richtung Brig bergab, da ich über die Fahrbarkeit des alten Stockalperwegs leider nichts sicheres in Erfahrung bringen konnte, und ich den Tag nicht mit einer verpatzten Abfahrt starten wollte. Die Fahrt auf der Schnellstraße in Gesellschaft auch nur weniger LKWs gehört trotzdem nicht zu den empfehlenswertesten. Doch die letzten Kilometer auf einer unbefahrenen Nebenstraße bis nach Brig können wieder zu den spaßigen Asphaltstrecken gerechnet werden.
In Brig wird sofort der Bahnhof aufgesucht, wo wir per nächstem Zug um 9.07 ins obere Rhonetal gelangen wollen. Der Ticketschalter ist gleich gefunden, und ich erkundige mich vorsichtig nach dem Preis eines Fahrscheins für drei Personen inklusive Bikes. Die sehr freundliche Bahnbeamte hat alles sofort bei der Hand, 33SFR tönt mir aus dem Schalter entgegen. Erst mal bin ich wegen dieses günstigen Preises baff, doch die Ernüchterung lässt nicht lang auf sich warten: 33SFR PRO Person, was doch einmal kräftig schlucken lässt.
Doch die nachfolgende Zugfahrt entschädigt doch relativ gut, ist auf Grund der teils waghalsigen Linienführung der Rhätischen Bahn abwechslungsreich. In Oberwald laden wir unsere Räder aus dem eigenen "Velo-Waggon" aus (an der Stelle wieder mal liebe Grüße an die ÖBB...) und machen uns von Ulrichen aus auf den Straßenuphill in Richtung Nufenenpass. Die Straße ist nicht übermässig stark befahren, doch in Verbindung mit dem schlechter werdenden Wetter hält sich der Tretspaß auf dieser letzten langen Auffahrt in Grenzen. Um den immer tiefer sinkenden Temperaturen zu trotzen liefern Timm und ich sich auf den letzten 100 Höhenmetern vor unserer Abzweigung von der Straße ein kleines Duell, bei dem wir sogar einen Rennradfahrer wieder einholen können - gut fürs Ego :
Auf einem ausgesetzten Kraftwerkssträßchen treten wir weiter in Richtung Griessee, für den ich in meiner Vorstellung vom Ausklang der Tourenwoche eine lange, sonnige Mittagspause mit Blick auf den Gletscher geplant hatte. Doch am See angekommen, müssen wir uns erstmal mit Fließ und Jacke ausstatten, um nicht zu erfrieren, oder gleich vom Wind von der Straße geblasen zu werden. Tief liegende Wolkenfelder vermiesen uns den Ausblick auf den Griessee, der darüber liegende Gletscher ist fast gar nicht zu erkennen... leider nur eine Schotterwüste. Dementsprechend machen wir, dass wir in Richtung Capanna Corno Gries weiterkommen: zuerst mit einer kurzen Schiebepassage (natürlich gegen den Wind) zum letzten "höchsten" Punkt: Calcestro, 2520m. Und damits uns nicht langweilig wird, darf danach noch ein kleines Schneefeld und ein nachfolgendes Schlammstück überquert werden... erst danach gehts den vielgelobten Trail zur Cap. Corno Gries, der zwar teilweise viel Flow hat, aber insgesamt auf Grund einiger kleiner Schlammrutsche nicht für Hochgefühle sorgt. Kurz vor zwei Uhr treffen wir auf der Hütte ein, die ursprünglich als letzte Übernachtungsstation geplant war. Wir gönnen uns einen Kaffee, als einzig akzeptable Süssigkeit im Angebot gibts dazu leider nur abgepackte Croissants, was nicht dazu beiträgt, den etwas kalten und abweisenden Charakter der Grieshütte aufzubessern... etwas planlos sitzen wir in dem düsteren Gastraum, bis schließlich als weiterer Plan trotz des mässigen Wetters die Weiterfahrt nach Domodossola beschlossen wird.
Bei der nachfolgenden Querung zum Passo San Giacomo ist uns dann allerdings wohl mehr Glück als Verstand zu bescheinigen: kaum dass wir auf einem großteils herrlichen Wanderweg 10min von der Hütte entfernt sind, ist schon deutliches Donnergrollen zu Vernehmen, und der Himmel sowohl vor als auch hinter uns beginnt sich von "harmlosem" Grau in Richtung Schwarz bzw. Giftgelb zu verfärben. Innerlich fange ich an mich selber zu beschimpfen, dass ich dem Verlassen der Hütte zugestimmt habe und unseren kleinen Trupp damit in die Gefahr eines Gewitters gebracht habe. In Anbetracht der Umstände geht uns etwas der Blick für den teils herrlich am Hang entlang führenden Wanderweg verloren, der nach einem ziel- und schwindelsicheren Fahrer verlangt und zu einem Großteil fahrbar ist. Stetes Donnergrollen begleitet uns, doch die Passhöhe des San Giacomo will und will nicht näher rücken. Wie durch ein Wunder begleitet uns noch ein etwas hellerer Fleck, bis wir eine verfallene Almhütte knapp unterhalb des Passes erreichen. Wie bestellt beginnt dort erster leichter Nieselregen, und wir legen eine kurze Pause ein, um uns in Regenoutfit zu werfen. Nachdem das Donnergrollen und der Regenschauer wider Erwarten nachgelassen hat, dränge ich aufs Weiterkommen - die Wolken um uns verheißen nichts gutes, und an einen Rückweg zur Capanna Corno Gries ist nicht mehr zu denken. Wir schieben ein Stück auf dem nun wieder ansteigenden Wanderweg bis zur Kapelle des heiligen Giacomo, von wo wir fahrend über nasse Wiesen bis zum höchsten Punkt des Passes gelangen.

Mit einem Donnerschlag, wie bestellt, bricht das Unwetter los. Wir stehen auf der Passhöhe, rings um uns noch ein paar schöne blitzanziehende Hochspannungsmasten und der letzte hellgraue Fleck hat sich blitzartig verzogen. Als wirkliche Rettung in dieser Not steht jedoch in nächster Nähe ein altes, fast schon verfallenes Gebäude, in dem wir in letztes Sekunde Unterschlupf beziehen können, bevor der Himmel seine Schleußen öffnet. Dies ist ein Wettersturz, wie er nur im Gebirge vorkommt und von vielen Alpencrossnovizen sicherlich schon unterschätzt worden ist: wasserfallartiger Regen, dazu noch sturmartige Böen und Donnerschlag auf Donnerschlag. Die Temperatur fällt ebenfalls, doch zumindest ist das Dach unseres Unterschlupfs an den meisten Stellen noch dicht, so kann der Wind nur durch die nicht vorhandenen Fenster Regenböen blasen. Wie gebannt beobachten wir gemeinsam mit einem spanischen Bergsteiger das draußen tobende Unwetter: Wolken fliegen über die Wiesen der Passhöhe, der Regen prasselt teils waagrecht gegen die Wände, Blitz und Donner sind teilweise keine Sekunde lang auseinander. Vor allem hat es rapide abgekühlt, ich warte viel zu lange bis ich meine lange Windstopperhose aus dem Rucksack krame.
Trotzdem hat die Situation aus unserer relativ sicheren Position ihren Reiz, Timm kann mit einigen tollen Fotos die Stimmung einfangen. Fast eine halbe Stunde prasselt der Regen, bevor sich das Wetter langsam wieder besser, in weiter Ferne wird sogar ein blauer Himmelsfetzen sichtbar. Mit dem letzten Donnergrummeln hört der Regen auf, nun ziehen graue Nebelfetzen über die dampfende Wiese, eine beeindruckende Szenerie.
Nachdem das Gewitter 100%ig abgezogen ist, machen wir uns in alle verfügbaren Klamotten eingepackt an die folgende 2000-Höhenmeterabfahrt nach Domodossola, für die ich auf Grund der spontanen Routenführung nicht auf eine Karte zurückgreifen konnte.
Wir kommen noch an zwei weiteren Hütten vorbei, doch einigen wir uns darauf, heute noch bis an den Endpunkt Domodossola zu rollen, um am nächsten Tag stressfrei den Zug nach Hause zu erreichen. Bis Riale gehts auf einer sehr ruppigen Forststraße bergab, die wir den Verhältnissen angepasst in langsamen Tempo zurücklegen. Ab dort heißts auf Asphalt weiterollen, aber leider nicht nur bergab, wie sich herausstellte. Nach zwei Steilstufen muss Kilometer um Kilometer im Ebenen getreten werden, wir vermuten nach jeder Kehre einen Wechsel der Straßenneigung nach unten. Doch es kommt noch besser: bergauf treten ist angesagt, wir dampfen unter unseren Windstopperklamotten, wollen sie jedoch nicht ausziehen, da es ja "eh gleich wieder bergab gehen sollte" im ersten größeren Ort bekommen wir die ernüchternde Information, dass es bis Domodossola noch ungefähr "dieci kilometri" seien, na bumm. Im Windschatten versuchen wir die Strecke mit möglichst minimalem Kraftaufwand zurückzulegen, zumindest gehts nicht mehr bergauf.
Uns wird immer heißer, doch aus rückblickend gesehen unerfindlichen Grünen machen wir erst einen Umzieh-Stop, als der Tacho über 20° zeigt und sogar die Mopedfahrer neben uns nur mehr T-Shirts tragen.
Irgendwann nach 7 Uhr haben wir dann unser Ziel erreicht, in typisch italienischem Flair rollen wir am Ortschild von Domodossola vorbei. Die Hotelsuche dauert nur kurz, wir beziehen in einem in Bahnhofsnähe gelegenen, absolut gammligen Hotel ein Zimmer, das dafür nur 50€ für uns alle drei gemeinsam kostet. Frisch geduscht wird das gesparte Geld für ein zünftigen Abendessen in einer "richtig italinischen" Pizzeria verwendet - wo dieser letzte, etwas durchwachsene Tag noch einen mehr als gemütlichen Ausklang findet:

Salat, Pizza, Nachspeise, Eis... :)


 

Sa, 30. Juli 2005: per Zug bis zum Brenner - Matrei - per Zug nach Innsbruck

Höhenmeter bergauf: 10 Hm
Kilometer: 18
Zeit: 35min


Der Schlaf war bei einer Temperatur von knapp 30°C und allen Geräuschen, die eine italienische Stadt in der Nacht zu bieten hat, nicht der beste, aber wir starten trotzdem gut gelaunt in den Heimreisetag. Nach einem ausgiebigen Supermarkteinkauf, gelingt es uns wieder ohne größere Kommunikationsprobleme die Tickets bis zum Brenner zu erstehen, und einen Platz sowohl für uns als die Bikes im Interregio nach Mailand zu ergattern. Von dort gehts wieder nach Verona und mit dem bekannten Regionalzug weiter zum Brenner. In Rovereto fällt wie erwartet eine ganze Horde von Alpencrossern auf der üblichen Route ein, und es ist wieder interessant zu beobachten, wie die kulanten italienischen Schaffner jedes der sicherlich 20 Bikes im Zug unterbringen, und wenn es auf den Gängen ist.
Vom Brenner wollen wir wie in den beiden Vorjahren bewährt per Bike nach Innsbruck, doch extremer Gegenwind und schlechter werdendes Wetter vermiesen uns diesen Erfolg, weshalb wir in Matrei doch noch in den Zug einsteigen - und kaum wieder bei den ÖBB, geht schon das Gemecker über zu viele Räder im Radabteil los, das sei gegen die Vorschriften blablabla. Welch Wunder, der Zug kommt trotz der totalen Überlastung durch die hochexplosive Bikeladung in Innsbruck an, ohne einen Waggon zu verlieren, und knapp nach 18 Uhr können nach Dusche und gutem Essen in der heimatlichen Wohnung die vielen Eindrücke Revue passieren.... die facettenreichste aller bisherigen Biketouren ist zu Ende gegangen.


 


FAZIT:
Die heurige Tour ist in vielen Bereichen mit Superlativen zu versehen: für uns die längste Tour bis dato, dazu die höchsten Pässe, die größten Tagesleistungen, die höchste Hüttenübernachtung, die vielfältigsten Eindrücke. Leider war das Wetter zwar gut, aber bis auf die ersten drei Tage nicht so schön, dass die eigentlich tollen Panoramen von allen Pässen immer zur Geltung gekommen wären. Herrlich war auf jeden Fall die Einsamkeit, auf dieser Route ist man als Biker (und auch als Wandersmann) offensichtlich noch eine Seltenheit.
Öfters als bei den bisherigen Touren mussten wir die Route abändern, großteils da ich gewisse Wegstücke und Entfernungen falsch kalkuliert hatte - bedingt dadurch, dass die von uns befahrenen Wege noch nicht perfekt dokumentiert vorliegen, wie das bei den meisten Ostalpenrouten der Fall ist.
Es war auf jeden Fall die eindrücklichste und abwechlungsreichste Route bisher, vor allem durch die Nähe zu den beeindruckenden Walliser Bergriesen mit Höhen zwischen 3500 und 4500 Metern.


Highlights:

¢ die Busfahrt durchs Val Locana

¢ Trail vom Lago Djouan bis nach Valsavaranche (in unserem Fall: Weg Nr. 7)

¢ der Downhill retour, die Landschaft und die Einsamkeit am Weg zum Col Lauson

¢ die Querung des Fenetre du Durand zwischen den Bergriesen Grand Combin, Mont Gele und Mont Blanc de Cheilon

¢ die absolut geniale Übernachtung auf der Cabane des Becs de Bosson mit der gemütlichen Hüttenatmosphäre, dazu das einzigartige Panorama über die Gipfel des Wallis
¢ Trail von der Moosalp nach Embd (Dank an Spectres!)

Tiefpunkte:

¢ Kein richtiger Tiefpunkt, aber schade: die Umkehr 300Hm unterhalb des Col Lauson

¢ die unsägliche Jahrmarktatmospähre in Verbier

¢ Umgehung der Mure auf der Bisse de Saxon

¢ der etwas schlecht durchdachte und eigentlich unnötige letzte Tag mit der Auffahrt zum Nufenen, und der langen Fahrt bis Domodossola


Übernachtungen:

¢ Rifugio Savoia: ursprünglich nur Übernachtung zweiter Wahl, da das Rifugio Chivasso bereits voll war. Danach aber wider negativen Berichten im Web sehr empfehlenswert, vor allem wegen des grandiosen Abendessens, dazu eine warme Dusche, Zimmer zwar nur Stockbetten in einem winzigen Raum, aber mehr braucht man ja nicht; Preis 40€;

¢ Bed and Breakfast in Valsvaranche: durch Zufall gefunden, sehr freundliche Gastgeber und sehr gemütliches Appartment mit allem nötigen Luxus wie Dusche und angenehmen Betten; Frühstück super, sehr günstiger Preis von 25€;

¢ Rifugio Champillon: neugebaute Hütte, bei der weniger objektive Gründe als mehr der Gesamteindruck kein gutes Gefühl hinterließen. Saubere, gepflegte Zimmer, aber dafür kalte Dusche und kahle Gaststube. Essen gut, Preis: ??;

¢ Appartment in Verbier: für den Ort sicher eine der preislich besten Übernachtungsmöglichkeiten, Zimmer schön mit Dusche, Frühstück ok, Preis: 55SFR;

¢ Cafe des Amis in Heremence: sauberes und gemütliches Mehrbettzimmer, warme Dusche am Gang, Frühstück mit Weißbrot und Marmelade/Nutella ok, für den Preis von 42 SFR empfehlenswert;

¢ Cabane Becs de Bosson: wie schon erwähnt ein Hüttenhighlight, absolut gemütliche Atmosphäre, Lager gepflegt. Allerdings auf Grund der Höhe (2980m) keine Dusche und auch kein richtiger Waschraum, nur ein Brunnen vor dem Haus - aber das gehört auch dazu. Abendessen (Gemeinschafts-Käsefondue) und Frühstück (mit Müsli!!) sehr gut, eine absolute Empfehlung! Preis: 50SFR;

¢ Pension Waldesruh im Turtmanntal: Massenlager mit Gemeinschaftsdusche, gutes und reichliches Abendessen, Frühstück ebenfalls ok, dafür sensationell günstig um 42SFR mit Abendessen;

¢ Gruppenhaus des Restaurant Mosji in Gspon: saubere Zimmer mit Dusche, Essen im Restaurant sehr gut, Frühstücksbuffet super! Insgesamt eine absolute Empfehlung, Preis mit 55SFR absolut ok;

¢ Hospiz Simplon: kirchliche Übernachtungsstation am Simplonpass, Gemeinschaftszimmer und -duschen ok, Abendessen und Frühstück ebenso; Günstiger Preis von 33SFR;

¢ Unbekanntes Hotel in Domodossola: Zimmer ziemlich gammlig, teils halbkaputte Möblierung, Dusche hat aber funktioniert - Preis ohne Frühstück 17€;